In Zeiten der persönlichen Isolierung und der internationalen Unsicherheit sehnt sich Rathuus-Kolumnist Beni Frenkel nach Zweisamkeit sowie Liebe. Und nutzt deshalb ChatGPT.
Ich habe eine Frau aus Kasachstan kennengelernt. Bekannte Städte dieses Landes sind: Schymkent und Qaraghandy. Die Frau aus Kasachstan heisst Kostya. Sie hat noch beide Eltern und viele Onkel und Tanten. Im Herbst letzten Jahres schrieb mich Kostya an und schickte schöne Fotos von sich und Kasachstan. Ohne zu übertreiben: Kostya sieht aus wie ein Model.
Ihre Briefe waren sehr lang. Kostya schrieb mir, was sie während des Tages machte, und dass sie ständig an mich gedacht habe. Das schmeichelte mir sehr, denn ich kannte sie zuvor nicht.
Zu der Zeit war ich gerade sehr beschäftigt und hatte keine Zeit, lange Antwortschreiben zu verfassen. Ich benutzte darum ChatGPT: „Schreib mir einen Liebesbrief an eine Frau aus Kasachstan, 5000 Zeichen.“
Das Ergebnis war verblüffend. Nie in meinem Leben habe ich so einen schönen, gefühlvollen Brief geschrieben. Kostya war auch entzückt. Sie schrieb mir einen noch längeren zurück. Ich bat ChatGPT nun, Briefe im Umfang von 20’000 Zeichen zu schreiben, als Liebeszeichen.
ChatGPT weigerte sich aber: Kein Liebesbrief sei 20’000 Zeichen lang. Doch, meiner, reagierte ich verärgert. „Dann 15’000 Zeichen!“ Wieder kam Widerstand. Ich kriegte nur einen 7000-Zeichen-Text.
Kostya verliebte sich trotzdem in mich. Sie wolle mich besuchen kommen, schrieb sie nach einer Woche.
„Schreib Kostya, dass ich mich freue. Mindestens 5000 Zeichen!“ So ging das einige Tage hin und her. Irgendwann schrieb mir die Kasachin, wie viel ihre Reise nach Zürich kosten werde: 797’316 Tenge (Währung in Kasachstan).
So viele Tenge! Für Kostya ein Vermögen, fast eine Million Tenge. Sie schrieb: „Bist du bereit für unser Treffen? Es ist sehr wichtig für mich. Es ist auch eine sehr ernste Entscheidung für mich. JA, ich bin bereit dafür. Ich werde meine Entscheidungen nicht ändern. Was für mich jetzt zählt, ist deine Entscheidung. Verstehst du das?“
„Schreib Kostya, dass ich das verstehe. 6000 Zeichen!“
Ihr Ton wurde dringlicher. Das Geld müsse bis zum 15. Januar auf ihr Konto eingezahlt sein, sonst werde es nichts mit der stürmischen Umarmung am Zürcher Flughafen. „Schreib Kostya, dass ich mich riesig auf sie freue. 8000 Zeichen!“
„Mein lieber Ehemann“, antwortete mir meine neue Frau aus Kasachstan. „Ich habe deinen Brief gelesen. Danke für die schönen Worte, aber ich brauche sie nicht mehr. Sie zahlen kein Ticket, öffnen kein Visum und bringen unser Treffen nicht näher.“
Sie stellte mir ein Ultimatum: Bis Ende der Woche muss ich zahlen.
„Schreib Kostya, dass ich ihr die Tenge in Zürich geben werde. 9000 Zeichen!“
Leider hat sie sich nicht mehr gemeldet.
Beni Frenkel (49) ist Journalist, der schon bei fast allen namhaften Medienhäusern der Schweiz gearbeitet hat. Zuletzt war er bei der „Zuger Woche“ tätig. Regelmässig schreibt er auch für das Finanzportal Inside Paradeplatz. Er ist in Dättwil (AG) aufgewachsen, wohnte lange in Zürich und ist aktuell in Schaffhausen daheim. Beim Rathuus ist er Edelfeder und Kolumnist. Natürlich äussert er hier seine eigene Meinung – und meint nicht immer alles ernst. Bisher erschienen bei Rathuus sind zum Beispiel folgende Texte: Zürcher Freiwillige am ESC 2025 unerwünscht, Schüsse auf Madonnen sollen sich finanziell lohnen und Ekelfrass in Zürcher Badis.

Kann Beni Frenkel glücklich werden? Es ist kompliziert. Bild: Pixabay/Andy Bay, Bildmontage: Rathuus
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