Nichtwählerinnen und Nichtwähler sind die schweigende Mehrheit der Bevölkerung. Wie ticken diese Menschen? Rathuus-Kolumnist Beni Frenkel ist selber Nichtwähler und spricht damit das Tabu aus Expertensicht an.
Das letzte Mal, als ich einen Stimmzettel ausfüllte, war vor über 20 Jahren. Ich lebte noch in Baden AG und verliebte mich in Pascal Bruderer von der SP. Die schönste Politikerin des Kantons Aargau! Ich trug den Namen Pascal Bruderer in alle Spalten ein und schrieb in Klammern die Telefonnummer meiner Eltern, ich hatte damals noch kein eigenes Handy.
Seitdem sind viele Wahl- und Abstimmungssonntage übers Land gezogen. Ich habe nie mitgemacht und plane auch nicht, daran etwas zu ändern. Ich bin nicht stolz darauf, fühle mich aber auch nicht ertappt, irgendetwas Falsches gemacht zu haben. Ich habe einfach keine Lust.
Oder besser gesagt: In den letzten 30 Jahren gab es keine Abstimmung, die mir wirklich wichtig war. Ich kann mit allem und jedem leben. Alpen-Initiative. 13. AHV, SRG-Initiative: Weder Ja noch Nein rauben mir den Schlaf. SP, Grüne, SVP – mir so etwas von egal.
Bin ich ein schlechter Staatsbürger? Ja, wahrscheinlich. Ich kann trotzdem gut einschlafen. Was ich nicht mag, sind Leute, die sich jetzt aufregen.
Ich wohne seit zwei Jahren in Schaffhausen. Da muss ich jedes Mal 5 Franken für eine verpasste Abstimmung bezahlen. Das motiviert mich nur noch mehr. „Ja, versucht es doch!“, rufe ich, „ihr werdet mich nicht kleinkriegen!“ Und sogar wenn mir Schaffhausen 50 Franken aufbrummt, werde ich nichts ausfüllen. Bei 100 Franken sähe es vielleicht etwas anders aus.
Mit meiner Abstinenz mache ich alle glücklich. Die Linken freuen sich, dass ich nicht rechts wähle, die Bürgerlichen klopfen mir auf die Schulter, wenn ich keine Marxisten aufschreibe. Alle sind happy mit mir.
Ich glaube, ich habe gerade das letzte Tabu in der Schweiz gebrochen. Noch nie hat jemand bei Verstand gesagt: Ich wähle nicht. Das macht mich irgendwie stolz. Den Prix Courage widme ich allen Mutigen dieser Welt. Gäbe es eine Partei von euch, würde ich euch wählen. Vielleicht.
Beni Frenkel (49) ist Journalist, der schon bei fast allen namhaften Medienhäusern der Schweiz gearbeitet hat. Zuletzt war er bei der „Zuger Woche“ tätig. Regelmässig schreibt er auch für das Finanzportal Inside Paradeplatz. Er ist in Dättwil AG aufgewachsen, wohnte lange in Zürich und ist seit zwei Jahren in Schaffhausen daheim. Frenkel hat die Matur und mehrere Semester Wirtschaft studiert.
Beim Rathuus ist Beni Frenkel Edelfeder und Kolumnist. Natürlich äussert er hier seine eigene Meinung – und meint nicht immer alles ernst. Bisher erschienen bei Rathuus sind zum Beispiel folgende Texte: Zürcher Freiwillige am ESC 2025 unerwünscht, Schüsse auf Madonnen sollen sich finanziell lohnen, Ekelfrass in Zürcher Badis sowie Kostya kommt mich besuchen.

Beni Frenkel geht nicht an die Urne: Er kann mit allem und jedem leben. Bild: Lorenz Steinmann, Bildmontage: Rathuus
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