Ein Politanlass in Form eines Bingoabends? Die Grünen, die SP und das Mitte-links positionierte Forum Pro Wallisellen mobilisierten im Hinblick auf die Wahlen vom 8. März viele Bingofans Politikinteressierte. Es wurde ein Happening mit Symbolwirkung.
Öffentliche Politdiskussionen gelten als Auslaufmodell. Podien mit oft einem Dutzend Kandidatinnen und Kandidaten wirken meist schwerfällig und ziehen wenig Publikum an. Und die Anwesenden sind altersmässig meist 50 plus oder sogar 60 plus.
Die politische Berichterstattung, zumindest international, wirkt ebenfalls nicht einladend. Trump hier, Trump dort, jeden Tag Häppchen aus den Epstein-Akten. Politik als Ablöscher?
Das Forum Pro Wallisellen hat sich zusammen mit den Grünen und der SP Gedanken gemacht, wie man die ausgetretenen Wege verlassen kann, um neue Zielgruppen zu erreichen. Das Resultat lässt sich durchaus sehen. Rathuus erlebte vergangenen Freitag einen vergnüglichen Bingoabend, an dem es überdurchschnittlich viele junge Leute hatte. Hing das mit dem popig-modern-mit-Retroeinflüssen gestalteten Flyer zusammen?
Das einrichtungsmässig eher nüchterne Café City Berli in Wallisellen füllte sich jedenfalls bis auf den letzten Platz.
Dabei gilt Bingo ja wie Politabende nicht gerade als Jungbrunnen. Man denkt eher an verrauchte Lokale, Rollschinkli als Preise und ellenlange Nachmittage mit sonorer Stimmbegleitung eines fahrigen Seniors. Ok, das ist gemein.
Auf den Spuren von Beat Schlatter
Denn das Moderatorenduo Emil Murbach und Livio Gentile war wirklich erfrischend. Es fand den idealen Stil zwischen Blödelei, Tiefgang und politischen Noten. Dabei könnten Murbach und Gentile durchaus die inoffiziellen Söhne des Komikers Beat Schlatter sein. Schlatter hat vor Jahren den Bingoabend mit seiner „Bingo-Show“ neu definiert und zum Gesellschaftsanlass auch für Städterinnen und Hipster gemacht.
Und nun also Wallisellen. Bemerkenswerterweise sorgte das Jungvolk tüchtig für Stimmung. Es war rührend, ja herzerwärmend, wie oft „Walliselle, Walliselle“ skandiert wurde. Und der Abzählreim „Aazelle, Bölle schälle, d’Chatz gaht uf Walliselle“ durfte auch nicht fehlen, gerufen aus fast allen Kehlen im Raum.
Bemerkenswerterweise hatte es viel Jungvolk, das tüchtig für Stimmung sorgte. Schlussendlich ging es an diesem Abend um Spass und den Drang, beim Bingo irgendwann zu gewinnen. Bild: Lorenz SteinmannDenn ja, schlussendlich ging es an diesem Abend schon um Spass und den Drang, beim über zweistündigen Bingo irgendwann zu gewinnen. Aber das Anliegen, etwas beizutragen für Wallisellens Zukunft, war stets spürbar. Auf spielerische und nie aufdringliche Art. So holt man Menschen ab, so wird Politik nahbar und wirkt lokal verankert.
Dabei hat es die Agglo-Stadt mit rund 18’000 Einwohnerinnen und Einwohnern nicht einfach. Trotz ähnlicher Grösse wie Olten oder Solothurn ist in der Öffentlichkeit selten die Rede vom durchaus schmucken Ort. Es gibt einen „Dorfkern“, einladende Naherholungsgebiete, von wo aus man je nach Wetter eine herrliche Fernsicht in die Alpen hat, und der Bahnhof ist modern und einladend. Es hat sogar eine breite Unterführung, wo Velofahren erlaubt ist.
Die Wahlallianz (v. l.): Simone de Redelijkheid (parteilos), Markus Pfanner (parteilos), Stadtrat Philipp Maurer (Grüne), Stadträtin Verena Frangi Granwehr (parteilos) und René Nussbaumer (SP). Bild: Lorenz SteinmannSie wollen den Stapi-Sitz verteidigen
Und politisch? Die Grünen, die SP und das Mitte-links positionierte Forum Pro Wallisellen wittern Morgenluft, hoffen, den Sitz des nicht mehr antretenden Peter Spörri (SP) zu übernehmen. Dafür scheint Philipp Maurer (Grüne) durchaus der Richtige zu sein. Er sitzt schon acht Jahre in der Exekutive und will nun den nächsten Schritt machen.
Dazu stellen sich die Bisherige Verena Frangi Granwehr, Ressortvorsteherin Gesellschaft + Soziales, sowie die beiden „Neuen“ für die Exekutive, Simone de Redelijkheid Pfister (bisher Schulpflege) und Markus Pfanner. Pfanner ist darum erwähnenswert, weil er viele Jahre Kommunikationschef in der Baudirektion Kanton Zürich war und seit gut einem Jahr denselben Job beim Stadtzürcher Hochbaudepartement unter SP-Stadtrat André Odermatt verrichtet. Er kennt also den Politbetrieb von innen.
Doch zurück nach Wallisellen und zu René Nussbaumer als Kandidat fürs Schulpräsidium, was dann ebenfalls ein Stadtratsmandat bedeutet. Plus drei Mitglieder der Rechnungs- und Geschäftsprüfungskommission (RGPK), zwei Mitglieder der Sozialbehörde sowie eine neue Kandidatin für die Schulpflege.
Kurzum: Für Wallisellens Stimmvolk durchaus eine Alternative zur bisherigen bürgerlichen Dominanz neben dem SP-Stapi.
Das Geheimnis des Walliseller Erfolgs
Nun aber zur Kernfrage: Wie schafften es die Organisatoren, der Politik auch noch Raum zu geben an diesem stimmungsvollen Abend? Für jede der Bingorunden trugen die Kandidierenden einen Preis bei. Hier nur eine kleine Auswahl – etwa einen selber gehäkelten Lappen: „Politik kann ein schweisstreibendes Geschäft sein, alternativ kann man damit aber auch den Dreck wegmachen, wenn die Politik zum schmutzigen Geschäft wird“, so Simone de Redelijkheid Pfister.
Oder die Jonglierbälle von Markus Pfanner: „Damit lernt man, nicht in Entweder-oder-Kategorien zu denken. Politik ist ein Sowohl-als-auch.“ Karin Braun, RGPK-Mitglied, hat familiären Bezug zu Ungarn. „Kulturell steht mir das Land nahe, nicht aber politisch.“ Sie verschenkte als Bingopreis nichts weniger als das geheime Familienrezept für ein Paprikahuhn. „Und wer nicht kochen will, da komme ich es kochen“, versprach Braun unter Jubel des Publikums im Saal.
Apropos Essen. Die gleiche Idee hatten der als Schulpräsident kandidierende René Nussbaumer und der zumindest aus Sicht der Anwesenden künftige Stadtpräsident Philipp Maurer. Beide offerierten unabhängig voneinander ein Nachtessen in der Pizzeria Napulé. Das Gejubel war besonders gross, als Maurer seinen Bingopreis vorstellte. Oder war dies seiner Grosszügigkeit geschuldet? „Es können so viele Leute kommen, bis der Spunten voll ist“, rief er in die begeisterte Menge. Dass dann ausgerechnet Stefan Cescutti, amtierendes Mitglied der RGPK, den Superpreis gewann, tat der Stimmung keinen Abbruch.
Ein recht unpolitischer Politabend
Was bleibt? Das Forum Pro Wallisellen schaffte es zusammen mit SP und Grünen, einen sehr speziellen, sympathischen Politabend zu organisieren. Und für alle Wählenden, die doch lieber noch mehr Fakten wollen, hat das Forum eine detaillierte Wahlzeitung kreiert. Sie wird in den nächsten Tagen in alle gut 10’000 Haushaltungen in Wallisellen verteilt. Dort geht es primär um Politik, nicht auch noch um Bingo.

Faszinierend: In Wallisellen fand kürzlich ein Politabend in Form eines lustigen Bingospiels statt. Der Andrang war überraschend hoch. Bild: Lorenz Steinmann
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