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Der „Nebelspalter“ predigt zu den Bekehrten

Zu sehen ist ein Mann mit Kopf im Nebel, der so sein Handy nicht sehen kann. Der Werbeclaim dazu: "Die Tage des Nebels sind gezählt".Diese Werbebild des "Nebelspalters" lädt zu einem nicht ganz ernst gemeinten Wortspiel ein: Ob nicht vielleicht die Tage des Nebel-SPALTERS gezählt sind, anstatt jene des Nebels? Bild: zvg

Das Politmagazin Nebelspalter kämpft um Anerkennung. Der Podcast mit Chef Markus Somm und (Noch)-Bundeshauskorrespondent Dominik Feusi ist zwar ein Aushängeschild. Doch fünf Jahre nach dem Start ist das zu wenig, um zu reüssieren. Denn thematisch bleibt man unter Gleichgesinnten.

Gestern Dienstag ging es im Onlinemagazin Nebelspalter um „Rekordzahlen in Gefängnissen“, dass die Nachhaltigkeitsinitiative „kein Chaos“ verursache und darum, wie „der Bund bei der Windenergie trickst“. Garniert mit einer Reportage über den „Empfang der Olympiahelden“ im Bundeshaus.

Es sind durchaus spannende Themen, zumindest aus bürgerlich-libertärer Sicht. Aber sie überraschen nicht, weil sie vorgefasstes Wissen zementieren und spürbar meinungslastig sind. Kein Wunder, dümpelt die Zahl von Online-Abonnentinnen und Online-Abonnenten lediglich im mittleren vierstelligen Bereich herum. Das ist darum von Belang, weil der „Nebelspalter“ üblicherweise auf eine Bezahlschranke setzt – wie bekanntlich auch Rathuus. Und noch eine Gemeinsamkeit: In der öffentlichen Wahrnehmung figurieren beide Politmagazine höchstens unter ferner liefen.

Podcasts als Erfolgsstory

Durchaus erfolgreich laufen hingegen die „Nebelspalter“-Podcasts. „Bern einfach“, das tägliche Gespräch zwischen Markus Somm und Dominik Feusi, kommt laut eigenen Angaben auf gut 6000 Klicks pro Tag. Das ist respektabel. Gewöhnungsbedürftig ist aktuell aber, wie politische Werbung eingebettet ist. Das Thema „Nein zur 10-Millionen-Schweiz“ ist in den Podcast verwoben, wie wenn es Teil der Diskussion wäre. Es wäre ohne Zweifel ein gefundenes Fressen für den Presserat.

„Daily Mill“ mit Stefan Millius ist angelehnt an Roger Köppels „Weltwoche Daily“. Beide bieten eine eigene Einschätzung der Weltlage. Während Köppel viel und gerne auch über Deutschlands Innenpolitik doziert und so schon mal 400’000 Klicks pro Folge generiert, beschäftigt sich Millius‘ Version – vorgetragen in breitem Ostschweizer Dialekt – eher mit lokalen Themen wie den „Woke-Söckli“.

Millius kritisiert etwa, dass das Kinderparlament der Stadt Bern mit den 9- bis 13-jährigen Mitgliedern unmöglich selber zu schmale Radwege und zu kurze Grünphasen für Fussgänger anprangern könne. „Da wird links-grünes Gesocks infiltriert“, so Millius in seinem Videovortrag. „Recht hat er“, sieht man sich da aus bürgerlicher Sicht bestätigt.

Die Nummer drei? Ja, aber …

Aber wie steht es mit der Relevanz? Wird nicht einfach die eigene Meinungsblase bedient, wie das den Mainstream-Medien angelastet wird? Gründer und Chefredaktor Markus Somm war im März 2021 angetreten mit dem Ziel, er wolle den „Nebelspalter“ als drittes bürgerliches Medium neben der NZZ und der „Weltwoche“ etablieren. Und eine Gegenbewegung aufbauen im „langweiligen, konformistischen, einseitigen, linksliberalen und linken Mainstream“, der in fast allen Redaktionen der Schweiz vorherrsche. Zu viele Journalisten seien gemäss Somm-Aussagen beim Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) von einer Art „Seuche der Denkfaulheit“ angesteckt, die sie nur noch als Angsthasen und Strukturkonservative funktionieren lasse. Je nach Sichtweise ist das Somm & Co. durchaus gelungen. Die Nummer drei könnte hinkommen, einfach mit riesigem Rückstand.

Damals sprach Somm gegenüber SRF noch von einem „Himmelfahrtskommando“. Er schliesse nicht aus, dass es den „Nebelspa…

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