Einmal im Jahr wird die Offene Rennbahn Oerlikon zu einer Motoren-Arena. Ein Eldorado für Menschen mit Benzin im Blut. Kaum zu glauben, dass so etwas ausgerechnet im links-grünen Zürich noch möglich ist.
Wo sonst das Sirren der Rennvelos oder höchstens das Knattern der Stehertöffs – umgebaute Motorräder für Bahnrennen – zu hören ist, ging es am vergangenen Dienstag richtig laut zu und her. Das Motto des Abends auf der Offenen Rennbahn Oerlikon lautete „Indianapolis“.
Ältere Rennwagen aus der Formel 1 und Formel 2, Sportwagen mit riesigen Auspuffrohren und Motorräder – vom 50er-Töff bis zur 1000-Kubik-Maschine – waren im Innenraum des Velodroms zu besichtigen. Oft mit laufendem Motor, denn alle Fahrzeuge durften der Reihe nach auch Runden drehen auf der in den Kurven mit 44,5 Grad furchterregend steilen Betonpiste.
Wobei Runden drehen eher harmlos ausgedrückt ist. Von 18 bis 22 Uhr konnten die eingeladenen Fahrerinnen und Fahrer mit ihren historischen Fahrzeugen dreimal auf die Rennbahn. Gefühlt jedes Mal mit mehr Temperament und Renncharakter. Die historischen Rennwagen der Formel 1 und 2 etwa kreisten mit minimalen Abständen zueinander durchs Oval. Risikofaktor: hoch. Doch dem sehr zahlreich erschienenen Publikum gefiel es sichtlich. Gut 6000 Motorsportfans kamen nach Oerlikon. Typus Bier- bis Schwingfest-Besucherinnen und -besucher. Politisch wohl eher konservativ-bewahrend. Und oft nur für den Besuch des Zirkus Knie in Zürich oder eben für „Indianapolis“. Doch keine Regel ohne Ausnahme: Gesichtet wurde auch SP-Nationalrätin Jacqueline Badran aus Wipkingen.
6000 Eintritte bedeuten natürlich Jahresrekord. Bei den Radrennen, die von Mai bis September jeden regenfreien Dienstag stattfinden, sind es jeweils keine 1000 Nasen. Der Eintrittspreis betrug am Dienstag 20 Franken statt wie sonst 10 Franken. Das ist ein kräftiger Zustupf für die Interessengemeinschaft offene Rennbahn Oerlikon – kurz IGOR, die sich mehrheitlich in Fronarbeit um den Betrieb der offenen Rennbahn kümmert. Besitzerin dieser ältesten Sportanlage der Schweiz ist übrigens die Stadt Zürich.
Schnittig, aber sehr laut: Der Brabham BT36/11 Formel 2 von 1971. Bild: Lorenz SteinmannFür die Stadt ist die Rennbahn ein Aushängeschild für umweltfreundliche Mobilität. Am Dienstag absolvierten die Radsportlerinnen und Radsportler zwar auch einige Rennen. Doch alles in allem konnten einem die Velofahrerinnen und Velofahrer leidtun. Denn das Interesse an der Muskelkraft war minimal. Das Publikum lechzte nach Motoren, nach Benzingeruch und nach Lärm.
Wer schon einmal an einem Formel-1-Rennen war, weiss, dass diese Rennboliden laut sind wie ein Düsenjet. Erstaunlich war dementsprechend, dass die Lärmschutzfachstelle der Stadtpolizei keinen Anruf erhielt. „Es gab keine einzige Lärmklage“, sagt Judith Hödl, Medienchefin der Stadtpolizei Zürich, auf Anfrage.
Er weckt Emotionen, der windschnittige Seitenwagen-Töff aus den 1980er-Jahren. Damals war das Töff-Duo Rolf Biland und Kurt Waltisperg Weltspitze in dieser Spezialdisziplin. Bild: Lorenz SteinmannDas ist eigentlich erstaunlich, weil der Lärmschutz in Zürich politisch einen sehr hohen Stellenwert hat. Tempo 30 möglichst flächendeckend, wohl bald starke Einschränkungen für den Gebrauch von Laubbläsern sowie Lautsprecherverbote bei Quartierfesten als drei Beispiele. Wenn nun aber so ein Anlass wie jüngst in Oerlikon gar keine Reaktionen auslöst, dann scheint das Lärmthema zumindest in Zürich-Nord doch nicht allzu akut.
Mit einem typähnlichen Renntöff wurde der Schweizer Motorradrennfahrer Stefan Dörflinger in den 1980er-Jahren viermal Weltmeister. Bild: Lorenz SteinmannSo oder so erfrischend war der Motorsportabend auch darum, weil sich die Fans mit Bier und Fanta aus der Glasflasche eindecken konnten. Mitnehmen auf die Tribüne? Kein Problem! Das Vertrauen in die Disziplin der gut 6000 Anwesenden ist also sehr, sehr gross. Denn nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn es Glasflaschen und Scherben auf der Bahn gäbe.
An einem Fussballspiel wäre das undenkbar: Auf der offenen Rennbahn trinkt man das Bier aus Glasflaschen. Sicherheitsbedenken gibt es keine. Bild: Lorenz SteinmannWarum aber heisst die Veranstaltung eigentlich „Indianapolis“? Die 500 Meilen auf dem Indianapolis Motor Speedway im US-Bundesstaat Indiana – Indy 500, wie sie abgekürzt heissen – sind quasi der heilige Gral des Automobilsports. Auf dem 2,5 Meilen langen Oval mit vier überhöhten Kurven in der Stadt Speedway, die komplett von der Grossstadt Indianapolis umschlossen ist, wird das bekannteste Autorennen der Welt ausgetragen.
Der Zürcher Anlass ist also zumindest vom Namen her daran angelehnt. Der grosse Unterschied neben der Länge der Bahn – in Oerlikon sind es lediglich 333 Meter – ist, dass das Rennen in der Limmatstadt nur Show ist. Zeiten werden keine genommen. Spass gemacht hat das Zuschauen trotzdem.
So gut besucht präsentierte sich die Offene Rennbahn Oerlikon bei Indianapolis 2025. Bild: Lorenz Steinmann
Laut, roh, auffällig und schön anzusehen: Am vergangenen Dienstagabend stand die Offene Rennbahn Oerlikon im Zeichen von Rennwagen und Renntöffs. Bild: Lorenz Steinmann
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