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Täterschutz in der Kulturbranche: Wer Talent hat, darf auch übergriffig sein

Auf dem Bild ist der Platz zu sehen, wo Lara Alina Hofer ihre Kolumne geschrieben hat, im Rathuus-Büro an der Stauffacherstrasse 180 in Zürich.Unsere Autorin Lara Alina Hofer kritisiert den Kulturkuchen aus eigener Erfahrung. Bild: Lara Alina Hofer

Eine Rezension über den Roman „Gaslicht“ von Jessica Jurassica wird zum Dialog mit ihr. Die Autorin schreibt darin über Gewalt, Trauma und Übergriffe in der Kulturbranche. Kolumnistin Lara Alina Hofer (23) reflektiert dazu über eigene Erfahrungen in Zürich – und hat es satt, um den heissen Brei zu reden. 

Man weiss gar nicht so recht, wo man anfangen soll. Was man sagen soll. Wie dieses Auf-die-Lippen-beissen und ratlos den Kopf schütteln der Männer, wenn die Frauen von ihren Gewalterfahrungen erzählen. Man kommt in Versuchung, um den heissen Brei zu reden. Doch: „Das Zur-Gewalt-Schweigen ist immer auch systematisch, und mit ihm einher geht das Zum-Schweigen-Bringen.“ Also rein da. 

Zürich hat ein Täterschutzproblem. Im Grunde die ganze Schweiz – und aus meiner Sicht und Erfahrung – auch die Kulturbranche. Wie die Appenzeller Autorin und Musikerin Jessica Jurassica (32) in ihrem neuen Roman „Gaslicht“ aufarbeitet, ist die Schweizer Kulturbranche von #MeToo-Fällen durchzogen – und noch immer werden sie verschwiegen, verdreht und halbherzig aufgearbeitet. „Es ist halt einfacher, so zu tun, als wäre nie etwas passiert, als sich der patriarchalen Normalität zu verweigern, und die ausgeübte Gewalt und deren tatsächliche Grausamkeit anzuerkennen“, schreibt sie.

Aufbruch, das Weltbild zu dekonstruieren

In ihrem Buch erhebt Jessica Jurassica, die 2020 einen Sex-Roman über Bundesrat Alain Berset veröffentlicht hat, ihre Stimme und sagt: „Ich will dieses Weltbild, das über mich gestülpt wurde, dekonstruieren.“

Der Buchtitel basiert auf der Erkenntnis: „Wir leben in einem Land, das auf Gaslighting aufgebaut ist. Wir leben in einer Gaslight Nation.“ Gaslighting ist eine Form der Manipulation, bei der eine Person die Wahrnehmung, das Gedächtnis und den Verstand einer anderen Person gezielt manipuliert, damit diese an sich selbst zweifelt – um Macht und Kontrolle zu gewinnen. Dazu veröffentlichte sie den Song „Gaslight Nation“, den ich wärmstens zu hören empfehle. 

Zu sehen ist der Einband des Buches "Gaslicht" der Autorin Jessica Jurassica.Sie schrieb einen Roman, der grosse Wellen schlug. In der Kulturszene, aber auch in der Politik. Jessica Jurassic, was das Pseudonym einer Appenzeller Autorin ist. Bild: Lara Alina Hofer

Im Kontext heisst das: Frauen werden durch Manipulation und patriarchale Strukturen dazu gedrängt, an sich selbst, ihren Wahrnehmungen und ihren (übergriffigen) Erfahrungen zu zweifeln. Damit sie schweigen. Damit sich systematisch nichts ändern muss. Damit die Mächtigen ihre Macht behalten und die Opfer allein und individuell bleiben. Doch: „Wenn Trauma ein gesellschaftliches Problem ist, und das ist es tatsächlich, kann die Genesung nicht eine private, individuelle Angelegenheit sein.“ 

Ich setze mich jetzt auf den Beichtstuhl. Ich wasche mich rein. Ich lasse die Altlasten im alten Jahr. 


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Meine Beichte

Als Künstlerin und Schreiberin bin auch ich Teil von kulturellen Institutionen in Zürich. Eine davon bringt junge Leute zusammen und bietet verschiedene Kurse an. Den Namen der Institution nenne ich nicht. In meiner Gruppe befand sich ein Mann, der Frauen manipuliert und emotionale sowie sexualisierte Gewalt auf sie ausgeübt hat. Sowohl auf mich als auch auf andere Personen hat er Gewalt ausgeübt.

Lange unbemerkt. 

Ich sah dieses Programm, und wieder war ich wütend, traurig und enttäuscht. Während ich diesen Raum, der darin versagt hatte, mir Schutz zu bieten, hinter mir lassen musste, würde er wieder dort auf der Bühne stehen, als wäre nie etwas gewesen.“

„Viele von uns hüten schon so lange das Geheimnis, zu dem die Gewalt gemacht worden war. Wir wussten gar nicht, wie das gehen sollte, das Schweigenbrechen, das Geheimnislüften. Es schien keine Präzedenzfälle zu geben, jedenfalls nicht in der Schweiz, hier wurden Geheimnisse gehütet wie die Weltmeister.“

Als die Vorfälle ans Licht kamen und die Gruppenleitung davon erfuhr, wurde der Mann zwar (inoffiziell) aus unserer Gruppe ausgeladen, nicht aber aus der Institution und allen anderen Angeboten. Dort geht er bis heute frischfröhlich ein und aus, wird an Events auf die Bühne gestellt, moderiert Veranstaltungen, sitzt in der Jury und darf seine (teilweise übergriffigen) Texte promoten. Dieselben Leute, die den Fall mit den Opfern „aufgearbeitet“ haben, applaudieren ihm, machen Werbung für ihn (auch bei den Opfern) und sind mächtig stolz auf ihn.

„Ein Jahr nachdem ich die erlebte Gewalt adressiert hatte, sah ich, dass der Täter im Programm jener Kulturinstitution stand, in der ich fünf Jahre lang gearbeitet hatte. Ich sah dieses Programm, und wieder war ich wütend, traurig und enttäuscht. Während ich diesen Raum, der darin versagt hatte, mir Schutz zu bieten, hinter mir lassen musste, würde er wieder dort auf der Bühne stehen, als wäre nie etwas gewesen.“

„Unter dem Vorwand, Talent zu fördern, werden Übergriffe und Gewalttaten toleriert und akzeptiert.“

Der Teufelskreis des Täterschutzes

Der Grund: Er hat Talent. Er kommt gut an beim Publikum. Er hat eine renommierte Institution besucht, die gut aussieht im Programmheft. Institutionen schützen Institutionen. Das ist der Teufelskreis des Täterschutzes. Ganz nach dem Motto: Wer Talent hat, darf auch übergriffig sein. Unter dem Vorwand, Talent zu fördern, werden Übergriffe und Gewalttaten toleriert und akzeptiert.

„Leute, die sich gewaltvoll und misogyn verhalten haben, und dafür nie nennenswerte Konsequenzen erfahren haben, spielten Shows an Orten, an denen von Gewalt Betroffene sich eigentlich zugehörig und sicher fühlen sollten.“

Die Forderung, den Mann aus der Institution auszuschliessen, wurde abgelehnt. Die Begründung: Man habe keine Verantwortung. Man sei ein freiwilliges Angebot. Dies, obschon die Institution öffentliche Gelder bezieht. Die Opfer müssten lernen, mit dem Täter umzugehen. Nicht gleich durchzudrehen, wenn sie ihm begegnen. Stattdessen in Therapie gehen. Und das Datingleben sei sowieso eine Privatangelegenheit.

„In jenem Umfeld, in dem die Gewalt stattgefunden hat, scheint man noch immer keine Ahnung zu haben, was genau ‚vorgefallen‘ ist. Es war immer noch die Rede von ‚der Situation‘, sogar von ‚enttäuschter Liebe‘, obwohl es gar keinen romantischen Kontext gab, denn scheinbar musste es sich um Liebe handeln, wenn so grosse Verletzungen im Spiel sind, denn in einer patriarchalen Welt gehören Liebe und Gewalt zusammen.“

„Hat überhaupt jemand Anzeige erstattet? Hat er dich denn vergewaltigt?“

Und überhaupt, fragte man mich im Klärungsgespräch, zu dem ich gezwungen wurde, weil ich sonst aus der Institution ausgeschlossen worden wäre: Hat überhaupt jemand Anzeige erstattet? Hat er dich denn vergewaltigt?

„Die Idee des physischen sexuellen Übergriffs, der Vergewaltigung, als einziger Form der sexualisierten Gewalt ist ein Rape-Culture-Mythos. Als wären die Erniedrigungen, die geschlechterspezifische psychische und physische Gewalt keine Formen der sexualisierten Gewalt – ganz abgesehen von den sexistischen Aussagen und misogynen Handlungen, der Sexualisierung und Objektivierung von Frauen.“

Zum Klärungsgespräch wurde auch der Täter eingeladen, damit er in Ruhe seine Sicht auf die ausgeübte Gewalt schildern darf. 

„Ich halte nichts davon, mit dem Täter zu reden. Ihm einen Raum zu geben, meine Gewalterfahrung aus seiner Perspektive zu erzählen und diese Erzählung unwidersprochen mit allen verdrehten Tatsachen und Verharmlosungen weiterzuverbreiten.“ Heute geht er im Haus ein und aus, als wäre nie etwas passiert. 

Ich fordere Einsicht und Verantwortungsgefühl

So darf es nicht weitergehen. Als Erstes braucht es Einsicht. Zuständige Personen in Institutionen müssen einsehen, dass ein Problem besteht und dass sie Teil davon sind. Es braucht ein Verantwortungsgefühl. Zuständige Personen müssen lernen, dass es ihre Verantwortung ist, bei #MeToo-Fällen richtig zu handeln und sie vorzubeugen. Dann braucht es Vorsicht und Rücksicht. Solidarität mit den Opfern, nicht mit den Tätern. Im Zweifel für die Opfer statt „In dubio pro reo“ (Im Zweifel für den Angeklagten).

„Aufarbeitungsprozesse, bei denen nicht eine aufrichtige Entschuldigung, ein Eingeständnis und transparente Kommunikation mit betroffenen Personen an erster Stelle kamen, waren nichts als Damage Control – Bemühungen, den eigenen Ruf zu stabilisieren.“

Es braucht konsequente Konsequenzen

Es braucht konsequente Konsequenzen. Den Ausschluss von Tätern aus Institutionen. Es braucht ein Bewusstsein dafür, wie viel Schaden angerichtet wird, wenn Täter weiterhin aktiv promotet werden und bedingungslos eine Bühne erhalten. Man ermöglicht damit aktiv weitere Traumatisierungen und Übergriffe. Man sagt damit, dass man die emotionalen und sexualisierten Gewalttaten toleriert und dass Männer ohne nennenswerte Konsequenzen damit davonkommen. 

Auf dem Bild zu sehen ist eine Mandarinen-Schale, die symbolisch steht für die Verletzlichkeit der menschlichen Psyche - und der Frau.Das Buchcover ziert eine geschälte Mandarine. Stück für Stück schält Jessica Jurassica auch literarisch die verbotene Frucht. Bild: Lara Alina Hofer

Brei ist für Babys

Dass sich die Erfahrungen von Jessica Jurassica und mir überschneiden, zeigt, dass wir ein strukturelles Problem haben und längst nicht mehr von Einzelfällen und individuellen Schicksalen reden dürfen.

Es bleibt keine Zeit mehr für Schritt für Schritt. Es muss jetzt gerannt werden. Der Verantwortung, Aufarbeitung und Konsequenz entgegen. Wir dürfen jetzt nicht mehr um den heissen Brei reden. Brei ist für Babys. Für Kleinkinder. Wir müssen jetzt in den sauren Apfel beissen. Und wer ins Zittern kommt und nicht weiss, wo er anfangen soll, kann Jessica Jurassica lesen. 

Mein Fazit: „Wer sich konsequent zu Gewalt verhält und diese mit all ihren furchtbaren Konsequenzen benennen will, der muss radikal mit den Strukturen brechen, in denen sie stattfindet, wenn die darin aktiven Individuen keinen Willen zur Aufarbeitung und Änderung zeigen. Und nicht selten auch, wenn ein Wille vorhanden ist.“


Lara Alina Hofer (geboren 2001 in Biel/Bienne) ist Poetin, Autorin und Künstlerin. Im Sommer 2025 schloss sie ihr Kunststudium in Zürich ab. Lara arbeitet mit Text und Sprache. Sie ist nie ohne Notizbuch und Stift anzutreffen. Ihre Arbeiten reichen vom Gedicht über Kurzgeschichten bis zu poetischen Kurzfilmen. Sie schreibt seit 2025 bei Rathuus.

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