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Stadtentwicklung: Fehlt der Verwaltung der Spielraum, bleibt nur das Beobachten

Die Ausgabe 1/2026 des Magazins Forum der katholischen Kirche Kanton Zürich liegt auf einem hölzernen Salontisch und mit einer Ecke auf einem hölzernen Schachbrett, auf dem Schachfiguren stehen. Auf dem Cover ist die lächelnde Anna Schindler zu sehen. Der Titel lautet «Stadt ist meine Faszination»."Wir haben eine Querschnittsfunktion, wir arbeiten sehr interdisziplinär, mit allen Departementen", sagt Anna Schindler dem Pfarrblatt der Katholischen Kirche Zürich. Das "Forum" hievte die Stadtentwicklerin auf die Titelseite. Bild: Pascal Turin

Zunehmende Seefeldisierung, immer mehr Verdichtung – und trotzdem wollen gefühlt alle in Zürich leben. Entsprechend muss die Verwaltung die zukünftige Entwicklung der prosperierenden Stadt sorgsam planen. In einem Interview hat die Stadtentwicklerin Anna Schindler über die Herausforderungen gesprochen.

Die „Neue Zürcher Zeitung“ überschrieb einmal einen Artikel über sie mit dem Titel „Die Frau, die über das Zürich von morgen nachdenkt“. Anna Schindler amtet als Direktorin Stadtentwicklung der Stadt Zürich, die zum Präsidialdepartement gehört. So hat die Abteilung die richtige Flughöhe und das Ohr der Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP). Durch diese Einteilung fehlt der Stadtentwicklung zumindest von aussen betrachtet aber manchmal der direkte Einfluss auf die Zuständigen – etwa im Hochbaudepartement, das die öffentlichen Bauten plant, oder im Tiefbau- und Entsorgungsdepartement, wo die Veloförderung angesiedelt ist. Das war vor 1997 anders, in grauer Vorzeit gehörte die Fachstelle zum damaligen Bauamt II, dem heutigen Hochbaudepartement (siehe Kasten am Ende des Texts).

Exemplarisch zeigt sich das Dilemma, wenn es um bezahlbaren Wohnraum geht. „Mindestens vier Departemente sind ins Thema Wohnen involviert, das heisst praktisch die halbe Stadtregierung. Zürich ist eine grosse Stadt und die Vernetzung innerhalb der Departemente ist sehr wichtig“, sagte Schindler 2024 im Gespräch mit dem Onlineportal Tsüri.

Zu viele Köche verderben den Brei, heisst es doch so schön, und vielleicht stimmt das gerade bei der Stadt- und Wohnraumplanung umso mehr. Das deutet auch das Interview mit dem katholischen Pfarrblatt „Forum“ an. „Wir haben eine Querschnittsfunktion, wir arbeiten sehr interdisziplinär, mit allen Departementen“, so Anna Schindler im Interview mit dem Magazin der katholischen Kirche im Kanton Zürich. Das „Forum“ hievte Schindler in seiner ersten Ausgabe des Jahres gar auf die Titelseite. Das Interview wird als Neujahrsgespräch angekündigt – die Unterzeile erinnert an die NZZ: „Anna Schindler denkt jeden Tag über die Zukunft Zürichs nach.“

Wer an Zürich denkt, der sieht vermutlich das Altstadtpanorama mit Grossmünster, Limmat und dem See vor dem inneren Auge. Doch die Zwinglistadt ist nicht nur ein Postkartenidyll. Bild: Pascal Turin

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Vieles läuft in Zürich sehr langsam

„Im Fokus unserer Arbeit stehen die Strukturen, in denen sich die Menschen bewegen, leben und arbeiten, und die nachhaltige Entwicklung der Stadt in allen drei Dimensionen“, führt die frühere Architekturjournalistin aus. Man sei zuständig für die Wirtschaftsförderung und für die Aussenbeziehungen der Stadt, für die Integration von Menschen aus 172 Nationen und den Bereich Smart City. Schindler: „Bei mir arbeiten rund 60 Personen in fünf Bereichen, die Dutzende von Themen bearbeiten. Wir sind also sehr breit und vielfältig aufgestellt.“

„Erschwerend kommt hinzu, dass die Politik immer ideologischer wird und die Polarisierung zunimmt“, sagt Anna Schindler im Interview mit dem „Forum“.

Anna Schindler kommt im Neujahrsgespräch rasch auf den Punkt: „Unser politisches System ist sehr komplex.“ Es müsse alles austariert werden, man ringe und kämpfe um Entscheidungen. „Das hat seine guten Seiten, aber es ist auch sehr langsam“, erklärt die Stadtentwicklerin, die mit ihrem Mann in Zürich lebt und drei erwachsene Söhne hat. „Erschwerend kommt hinzu, dass die Politik immer ideologischer wird und die Polarisierung zunimmt“, sagt die 57-Jährige. In Zürich sei das noch völlig harmlos im Vergleich zum Rest der Welt, aber es mache ihre Arbeit schwieriger. „Auch die Bürokratisierung nimmt zu. Die Abläufe waren vor 14 Jahren wesentlich weniger kompliziert“, so Schindler, die seit 2011 Direktorin der Stadtentwicklung ist.

Erneuern, sanieren, verdrängen: In der Stadt Zürich wird überall gebaut, doch bezahlbarer Wohnraum fehlt trotzdem – die Verwaltung spricht lieber von Wohnungsknappheit als von Wohnungsnot. Bild: Pascal Turin

Das Sozialmonitoring als Heilsbringer

Wenig überraschend wird die Wohnungsknappheit in Zürich beziehungsweise das Problem mit dem (mangelnden) Wohnraum nicht ausgeklammert. „Das ist ein permanent drängendes Thema“, sagt Anna Schindler. Eine soziale Stadtentwicklung ermögliche das Zusammenleben aller sozialen Schichten und vermeide Segregation und Auseinanderleben. Zentrales Thema der Städte überall auf der Welt sei deshalb das Wohnen. „In Zürich ist vor allem bezahlbarer Wohnraum für alle in einer wachsenden und prosperierenden Stadt wichtig.“

Schindler verweist als Beispiel auf das Sozialmonitoring. „Es kombiniert verschiedene Indikatoren zur Bevölkerung mit Indikatoren zur baulichen Struktur und zur Bausubstanz der Stadt und zeigt uns, wo die vulnerablen Bevölkerungsgruppen leben, die bei tiefgreifenden baulichen Veränderungen wie Ersatzneubauten am stärksten von Preissteigerungen betroffen sind“, erklärt sie im Interview mit dem „Forum“. Das Sozialmonitoring stelle eine wichtige Grundlage für die Stadtentwicklung dar. „Wir wissen damit, wo wir genau hinschauen müssen, mit wem wir sprechen müssen, mit welchen Bauträgerschaften und Investoren, um sie zu einer sozialverträglichen Entwicklung zu bewegen.“ Aber: „Direkte Massnahmen kann die Stadt Zürich von Privaten – denen 70 Prozent des Bodens gehört – nur unter bestimmten Bedingungen einfordern.“ Welche Bedingungen dies konkret sind, wird im Interview leider nicht ausgeführt.

„Diese Herausforderung kommt zwangsläufig mit dem Erfolg, sie kann nicht verhindert werden“, so Anna Schindler.

Gerade bei der Wohnpolitik, die vielen Zürcherinnen und Zürchern unter den Nägeln brennt, hätte man sich als Leserin oder Leser von der Stadtentwicklerin zum Teil konkretere Aussagen erhofft. Auf die Frage, wie sich die Stadt gegen Gentrifizierung wehrt, antwortet Schindler: „Diese Herausforderung kommt zwangsläufig mit dem Erfolg, sie kann nicht verhindert werden.“ Die Stadt sei unter anderem so attraktiv, weil sie einer der besten Bildungsstandorte der Welt sei, ein super Gesundheitssystem habe und einen hervorragend funktionierenden öffentlichen Verkehr. Zudem sei die Schweiz politisch stabil. „Damit gehen die Preise hoch.“ Deshalb müsse man die Entwicklung gut begleiten und sozial steuern.

Spannend ist, dass die Direktorin der Stadtentwicklung Investoren in Schutz nimmt. „Ja, es gibt Menschen, die nach einem Ersatzneubau nicht mehr zurück in ihre Wohnungen können, weil die Miete zu hoch ist, denn neue Wohnungen sind teurer als alte“, sagt die Geografin. Das gelte auch für Genossenschaften und städtische Wohnungen. Das betreffe aber nicht das Gros der Mieterwechsel. „Und ja, es gibt Investoren wie beispielsweise in den Sugus-Häusern, die es so machen, wie man es gerade nicht machen soll“, betont sie. Es gebe aber auch ganz viele andere, die ein Verantwortungsbewusstsein zeigen würden und „nicht an ihren Mieterinnen und Mietern vorbeibauen wollen“.

Die Limmatstadt wächst, zieht weiter Menschen an – trotz steigender Mietpreise, trotz Seefeldisierung. Zürich scheint vieles richtig zu machen. Umso vorsichtiger wirken die Worte der Stadtentwicklerin Anna Schindler. Sie legt im Neujahrsgespräch mit dem Pfarrblatt zwar verständlich dar, weshalb es der Verwaltung in vielen Bereichen schwerfällt, Einfluss auf negative Entwicklungen zu nehmen. Doch es wäre etwas mehr Mut angebracht. Sonst werden die Probleme nicht gelöst, sondern nur verschleppt.

Die Limmatstadt ist in ständigem Wandel – plastisch sichtbar wird das an den vielen Baustellen. Es stellt sich die Frage, wie eine wachsende Stadt lebenswert bleiben kann. Bild: Pascal Turin
Ein Blick zurück

Lorenz Steinmann

Wie entstand die Stadtentwicklung überhaupt und warum ist sie eine Art Stabsstelle beim Präsidialdepartement? Da hilft ein Blick zurück. Anna Schindler ist erst die zweite Direktorin in der Geschichte der Fachstelle Stadtentwicklung. Vor ihr hatte Brigit Wehrli-Schindler das Amt von 1997 bis 2011 inne. Die Stadtentwicklung Zürich wurde erst 1997 gegründet. Vorher war die Fachstelle eigentlich folgerichtig beim Stadtplanungsamt angesiedelt.

Der damalige Stadtpräsident Josef Estermann (SP) initiierte in den 1990er-Jahren eine grössere Reorganisation der Stadtverwaltung. Eine davon war die – zumindest aus damaliger Sicht – Stärkung des eigenen Departements mit eben der Stadtentwicklung. Vorher hatte Estermann schon verschiedene Initiativen ergriffen, wie die NZZ berichtete. Darunter waren das Stadtforum und das gemeinsam mit der Wirtschaft lancierte Projekt „Leitbild Zürcher Innenstadt“. Es ging darum, die verhärteten Fronten abzubauen und für Zürich – dem es wirtschaftlich und sozial nicht gut ging vor über 30 Jahren – Zukunftsperspektiven zu eröffnen. Kritische Stimmen wie jene der SVP, welche das Stadtforum als „Schwatzbude“ bezeichneten, taten den Bemühungen keinen Abbruch.

zu sehen ist eine Demo der Belegschaft der Brauerei Hürlimann im Jahr 1996. Sie wollte die Schliessung der Firma verhindern - erfolglos.Vor 30 Jahren Thema – die bevorstehende Schliessung der Brauerei Hürlimann. Die Neugestaltung des Areals ist typisch für den Wandel. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_L45-0290-0100-0004

Also machte vor 30 Jahren Brigit Wehrli-Schindler einen hervorragenden Job. Dabei spurte sie ihre Karriere bei der Verwaltung schon vor Amtsantritt auf. So veröffentlichte sie 1996 ein stark beachtetes Buch mit dem Titel „Lebenswelt Stadt“. Darin plädierte sie für Quartierpartizipation und Dialog zwischen sozialen und ethnischen Gruppen, mehr Familienwohnungen und ein familienfreundlicheres Umfeld. Sie forderte eine Mobilität für alle, also auch für Kinder, Mütter und Senioren. Das ergebe mehr Wohnlichkeit und weniger Pendlerverkehr. Das Buch bewertete sogar die NZZ positiv.

Der Rest ist eigentlich Geschichte. Brigit Wehrli-Schindler – ihrem Familienzweig gehört übrigens seit langem die Mühle Tiefenbrunnen – war offensichtlich die richtige Person zur richtigen Zeit. Die Stadt Zürich hat sich zu einer blühenden Stadt entwickelt. Doch die Probleme rund um die Stadtentwicklung – zumindest planerischer und baulicher Natur – sind geblieben, respektive in den letzten fünf Jahren wieder bedeutend stärker geworden.

Nun gibt es Stimmen, welche die Stadtentwicklung wieder vom Präsidialdepartement abkoppeln und in ein übergreifendes Baudepartement verschieben wollen, das Hoch- und Tiefbau vereinigt. Dieses soll Doppelspurigkeiten verringern und insbesondere Strassenprojekte und die Quartierplanung besser aufeinander abstimmen. Dies zumindest war die Vision von Stefan Mühlemann. Seine Initiative „7 statt 9 Stadträte“ wurde 2018 aber relativ deutlich mit 61 Prozent abgelehnt.

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