Das Ziel ist es, Jugendliche für Politik zu begeistern. Der Verein Discuss it organisiert Politpodien an Gymnasien und Berufsschulen. Kürzlich debattierten Zürcher Politikerinnen und Politiker an der Kantonsschule Küsnacht. Sie wussten die Chance für PR in eigener Sache – und für ihre Partei – zu nutzen.
Der Verein Discuss it hat sich der politischen Bildung von jungen Menschen verschrieben. Dazu organisiert er regelmässig Politpodien an Berufsschulen und Gymnasien. „Discuss it“ publiziert auch alljährlich einen Jahresbericht. Gemäss diesem arbeitet die Organisation mit Sitz in Zürich mit dem Kanton Aargau zusammen oder kooperiert mit den Jugendparlamenten des Kantons Zürich und des Kantons Bern. Ausserdem wird „Discuss it“ unter anderem vom Migros-Pionierfonds oder von der Stiftung Mercator Schweiz finanziell unterstützt.
Das Wirken des Vereins liest sich beeindruckend.
- Laut Jahresbericht war „Discuss it“ im Jahr 2024 in 16 Kantonen aktiv.
- Es fanden 194 Veranstaltungen statt. Zum Vergleich: 2023 waren 148 durchgeführt worden.
- 17’500 Schülerinnen und Schüler konnten mit den Veranstaltungen erreicht werden. 59 Prozent davon waren Lernende an Berufsfachschulen, 41 Prozent Schülerinnen und Schüler an Mittelschulen.
- Über 600 Politikerinnen und Politiker nahmen an „Discuss it“-Veranstaltungen teil.
Kürzlich fand an der Kantonsschule Küsnacht eine Podiumsdiskussion zum Thema „Integration von Zugewanderten – fördern oder fordern“ statt. Eingeladen waren Vertreterinnen und Vertreter der Grünen, der Jungen GLP, der Mitte sowie der SVP. Trotz des heiklen Themas wussten die Politikerinnen und Politiker, ihre Chance für PR in eigener Sache – und für ihre Partei – zu nutzen.
„Der betroffene Mensch muss sich integrieren lassen wollen“, sagte SVP-Kantonsrat Ueli Pfister.
Integration ist kein Verwaltungsakt
Zu Beginn der Gesprächsrunde legte Charlène Pfammatter vom Verein Discuss it die Regeln fest: „Wir lassen einander ausreden und werden nicht persönlich.“ Die Moderatorin lancierte das Podiumsgespräch mit der Frage, ob es die Aufgabe der Schweiz sei, Ausländerinnen und Ausländer zu integrieren.
Lara Tabbert, die im Vorstand der Jungen GLP Kanton Zürich sitzt, antwortete diplomatisch: „Integration ist etwas Zwischenmenschliches, das nicht nur aus der Verwaltung kommen kann.“
Für SVP-Kantonsrat Ueli Pfister aus Egg wiederum war die Antwort klar: „Der betroffene Mensch muss sich integrieren lassen wollen.“ Ähnlich sah es Kantonsrätin Marzena Kopp (Die Mitte): „Wer sich nicht integrieren lassen will, wird sich auch nicht integrieren lassen“, sagte die Meilemerin, die selbst in Polen und in der Schweiz aufgewachsen ist.
Der Grünen-Kantonsrat Thomas Forrer erklärte: „Wir leben von der Vielfalt.“ Wenn eine Bevölkerungsgruppe ihre eigenen Bräuche oder ihren eigenen Glauben lebe, finde er das gut. „Diversität nützt uns etwas. Gleichmacherei ist eher schädlich“, sagte der Erlenbacher.
„Ich bin kein Fan der Burka, aber ich finde, die Leute sollen sich so anziehen dürfen, wie sie möchten“, sagte Grünen-Kantonsrat Thomas Forrer.
Konstruktive Diskussion ist wichtig
Schnell ging es um Toleranz und es fielen Begriffe wie Minarett- oder Burka-Verbot. SVP-Kantonsrat Pfister sagte, dass die Burka für ihn ein Symbol der Unterdrückung sei. „Das sind Scheindiskussionen“, konterte Grünen-Kantonsrat Forrer. Diese würden auf dem Rücken anderer Gruppen, in diesem Fall der Muslime, ausgetragen. „Ich bin kein Fan der Burka, aber ich finde, die Leute sollen sich so anziehen dürfen, wie sie möchten“, so Forrer.
Mitte-Kantonsrätin Kopp wiederum stellte infrage, ob alle Frauen, die eine Burka tragen, dies auch freiwillig tun würden. „Diversität in der Gesellschaft ist eine grosse Chance“, betonte Lara Tabbert von der Jungen GLP. Es höre aber da auf, wo man mit seinem Glauben oder seinen Bräuchen anderen Leid zufüge. „Die Frage ist, wie sich die zugewanderten Personen einbringen können“, sagte die Stadtzürcherin Tabbert. Sie verwies damit auf die Debatte rund um das Ausländerstimmrecht.
Schülerschaft stellte kritische Fragen
Damit war die Diskussion unter den Schülerinnen und Schülern richtig lanciert. Eine Gymnasiastin warf den Bürgerlichen vor, vermeintlichen Feminismus für die Hetze gegen Ausländerinnen und Ausländer zu missbrauchen. Ueli Pfister teilte diese Ansicht gar nicht, liess sich aber nicht provozieren. „Da kann ich ihnen nicht Recht geben“, sagte der Kantonsrat.
Ein Schüler fragte sich, wie man denn politisch zusammenarbeiten kann, wenn die Meinungen so auseinandergehen. „Was man im Fernsehen sieht, zum Beispiel in der Arena, das ist nicht die Realität“, sagte Kopp. Und Pfister ergänzte: „Wichtig ist eine konstruktive Diskussion in der Kommission.“ In den Ratsdebatten werde „fast plakativ“ die Parteimeinung präsentiert.
Junge Menschen sind Zukunft der Politik
Bei jedem Themenbereich gab es mindestens ein Votum aus dem Publikum. Darum passt der eigentlich sperrige Begriff Informiertheit in diesem Zusammenhang perfekt. Die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten bewiesen, dass sie die Politik nicht kalt lässt. Die Jugendlichen, die noch ein Jahr bis zur Matur haben, diskutierten rege mit.
Inwiefern diese Beobachtung mit der in der Medienwelt heiss diskutierten Newsmüdigkeit zusammengeht, darüber kann nur spekuliert werden. Gemäss dem Jahrbuch Qualität der Medien 2024 des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich liegt der Anteil der sogenannten News-Deprivierten, also Menschen, die auf Nachrichten verzichten, nämlich bei 46 Prozent.
Fazit: Die Schulleitung und die Lehrpersonen der Kanti Küsnacht dürfen sich auf alle Fälle auf die Schulter klopfen. Und ein bisschen stolz sein können auch die Eltern. Die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten wussten viel. Man lehnt sich sicher nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man das als positives Zeichen sieht. Oder wie es Moderatorin Pfammatter formulierte: „Ihr seid die Zukunft der Schweizer Politik.“

Posieren für das obligate Gruppenfoto (v. l.): Kantonsrat Thomas Forrer (Grüne), Lara Tabbert, Vorstand Junge GLP Kanton Zürich, SVP-Kantonsrat Ueli Pfister, Mitte-Kantonsrätin Marzena Kopp und Podiumsmoderatorin Charlène Pfammatter vom Verein Discuss it. Bild: Pascal Turin
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