Die 45-jährige Camille Roseau sitzt für die SP im Stadtzürcher Gemeinderat. Die Co-Verlagsleiterin der „Wochenzeitung WOZ“ ist stolz auf den politischen Effort des Verbands Medien mit Zukunft. So habe der Verband nun eine sicht- und wahrnehmbare Stimme konzernunabhängiger Medienverlage in Bundesbern.
Camille Roseau, wie wurden Sie politisiert?
Naja, durchs Leben und die Lektüre würde ich sagen. Mit 14 habe ich angefangen, den „Spiegel“ zu lesen und erst einmal nichts verstanden. Als mir langsam dämmerte, wie unfair diese Welt doch ist, habe ich angefangen, nach Lösungen zu suchen, die für möglichst viele Menschen funktionieren. Das schien mir mit sozialdemokratischer Politik gut möglich und so habe ich mich bei den deutschen Jusos engagiert und bin auch früh in die Gewerkschaft eingetreten (Camille Roseau ist in Düsseldorf aufgewachsen, Anm. d. Red.).
Was wollten Sie als Kind werden?
Mein erster Berufswunsch war Coiffeurin – ich mag die Atmosphäre im Salon bis heute, es riecht gut, es gibt gute Gespräche und hinterher fühlt man sich wie ein neuer Mensch.
Was beschäftigt Sie politisch gerade am meisten?
Mich beschäftigt gerade die Abstimmung zur „10-Millionen-Schweiz“ sehr; eine Annahme dieser Vorlage würde die Schweiz in der Welt isolieren, wäre das Ende der Personenfreizügigkeit und würde mit der faktischen Wiedereinführung des unmenschlichen „Saisonnier“-Statuts Menschen mit Migrationsgeschichte einmal mehr massiv ausgrenzen und benachteiligen. (Der Fragebogen wurde von Lorenz Steinmann definitiv verlauert, weshalb diese Antwort vom Abstimmungsresultat überholt wurde, Anm. d. Red.)
„Mein erster Berufswunsch war Coiffeurin – ich mag die Atmosphäre im Salon bis heute, es riecht gut, es gibt gute Gespräche und hinterher fühlt man sich wie ein neuer Mensch.“
Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu oder hatten Sie mal Abwanderungsgelüste?
Als ich neu in die Schweiz kam, habe ich die hiesige Parteienlandschaft (links der Mitte) erkundet und bin zu den Grünen, zur AL und zur SP schnuppern gegangen. Am Ende ist’s aber doch wieder die Sozialdemokratie und die Gewerkschaftsbewegung geworden, das ist einfach meine politische Heimat.
Haben Sie auch schon Unterschriften für eine Initiative oder eine Petition gesammelt?
Ja, diverse Male. Ich nehme häufiger Unterschriftenbögen mit und halte sie Menschen, denen ich begegne, unter die Nase. Da ergeben sich auch oft interessante Gespräche.
Welche Staatsmänner oder -frauen halten Sie – frei nach Max Frisch – für moralisch?
Max Frisch hielt Moralisten in der Politik für Unheilsbringer. In dem Sinne müsste ich wohl den einen oder anderen von der SVP benennen. Wenn es aber um Vorbilder geht, vielleicht Willy Brandt, Rosa Luxemburg oder Hans Peter Tschudi, den „Vater“ der AHV, dem grössten Schweizer Sozialwerk.
Mit wem würden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken?
Das ist natürlich ein weites Feld, da ich gern ins Café oder in die Beiz gehe. Von meinen neuen Ratskolleg:innen kenne ich noch nicht alle und freue mich auf die Pausengetränke und Feierabendbiere, die da noch auf mich warten.
„Wenn ich mir was leisten will, freue ich mich über Hacktätschli im Volkshaus.“
Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt oder im Kanton Zürich?
Am liebsten und häufigsten gehe ich mittags ins Kafi Tintenfisch im GZ Wipkingen. Das Team dort kocht immer fein und heisst mich und meine Kolleg:innen von der WOZ in unserer Pause willkommen. Wenn ich mir was leisten will, freue ich mich über Hacktätschli im Volkshaus.
Kaufen Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch?
Sowohl als auch.
Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht?
„Ulysses“ gelesen. (Den weltberühmten Roman von James Joyce, der 1941 58-jährig in Zürich starb, Anm. der Red.)
Wer ist für Sie der bedeutendste Zürcher oder die bedeutendste Zürcherin?
Für mich sind alle Zürcherinnen und Zürcher bedeutend, die Zivilcourage zeigen und die sich für eine offene Gesellschaft einsetzen.
Sex ohne Liebe, was halten Sie davon?
Jedem Tierchen sein Pläsierchen, sag ich mal.
Was was Ihr grösster politischer Erfolg?
Ich habe ja gerade erst angefangen, als Milizpolitikerin aktiv zu sein. Die grossen Erfolge und Niederlagen kommen (aller Voraussicht nach) erst noch. Stolz bin ich auf den gemeinsamen politischen Effort mit meinen Kolleg:innen aus dem Verband Medien mit Zukunft – uns ist es in den letzten Jahren gelungen, zur sicht- und wahrnehmbaren Stimme konzernunabhängiger Medienverlage zu werden, und zum Beispiel Zürcher Verlagen wie der WOZ, der „Republik“ und „Tsüri“ und vielen anderen aus der ganzen Deutschschweiz in Bundesbern Gehör zu verschaffen und sie untereinander zu vernetzen.
Und was war Ihr grösster politischer Fauxpas?
Siehe oben. So richtig viel Zeit/Gelegenheit, Fehler zu machen, hatte ich noch nicht.
„Im neuen Rathaus gefällt es mir sehr gut – toll, wie die Umwidmung des Kirchenraums hin zu einem Parlament funktioniert hat.“
Wollen Sie das historische Rathaus zurück oder gefällt es Ihnen im Rathaus Hard?
Im historischen Rathaus war ich nur einmal im Rahmen einer Führung – im vollen Betrieb habe ich es gar nicht kennengelernt. Im neuen Rathaus gefällt es mir sehr gut – toll, wie die Umwidmung des Kirchenraums hin zu einem Parlament funktioniert hat.
Portobello-Burger oder Poulet-Kebab?
Weder noch – vermutlich eher Rindsburger.
Taylor Swift oder Beatrice Egli?
Auch weder noch – obwohl mir die Swifties vor zwei Jahren gut gefallen haben, die Zürich in pinkem Glitter erstrahlen liessen.
Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Handy?
Meinen (damals noch) kleinen Sohn vor einem riesigen Brontosaurus – ein Urlaubsbild aus der Bretagne.
Worauf freuen Sie sich?
Auf Zeit, die ich diesen Sommer mit einem Krimi in der Badi Mythenquai verbringen kann.
Und worüber können Sie lachen?
Über mich selbst – eine Fähigkeit, die ich allerdings erst mit 40 entdeckt habe.
Camille Roseau besitzt neben dem Schweizer Pass auch jenen von Frankreich. Sie ist als Tochter einer bretonischen Mutter und eines kroatischen Vaters in Düsseldorf aufgewachsen und arbeitet seit fast 20 Jahren im Verlag der grössten Mediengenossenschaft der Schweiz, der „Wochenzeitung WOZ“ mit Sitz an der Hardturmstrasse im Kreis 5. Bei der WOZ verantwortet sie zudem zusammen mit Daniel Hackbarth die Schweizer Ausgabe von „Le Monde diplomatique“.
Als Co-Präsidentin des Verbands Medien mit Zukunft (zusammen mit Joel Widmer von der Hauptstadt in Bern) setzt sie sich für den Erhalt der Medienvielfalt und eine faire Digitalisierung der Branche ein. Die 45-Jährige wohnt mit Mann und Kind in Unterstrass.
Roseau sitzt seit dem 11. Mai 2026 für die SP Kreis 6 im Stadtzürcher Gemeinderat. Sie ist seither Mitglied der Sachkommission Tiefbau- und Entsorgungsdepartement, Departement der Industriellen Betriebe.

Camille Roseau ist Co-Verlagsleiterin der WOZ und gibt so den Medien eine Stimme in der Politik. Das Bild wurde am Sihlufer in Adliswil aufgenommen. Bild: Christoph Roseau-Good
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