Min Li Marti und Markus Kunz haben rund ein Jahr vor den Gemeinderats- und Stadtratswahlen einen neuen Politik-Podcast lanciert. Die SP-Nationalrätin und der frühere Präsident der Grünen Stadt Zürich wollen in „Inside Bullingerplatz“ den Wahlkampf kritisch begleiten und Einblick ins Innenleben des Gemeinderats geben.
„Inside Bullingerplatz“ – nicht wenige werden da direkt an die Finanzwebsite „Inside Paradeplatz“ denken. Doch obwohl die namentliche Ähnlichkeit durchaus gewollt ist, hören hier die Übereinstimmungen schon wieder auf. Der zum Teil hektische Paradeplatz im Zürcher Stadtzentrum lässt sich sowieso nur schwer mit dem beschaulichen Bullingerplatz im Kreis 4 vergleichen. Immerhin: Seit sich das Rathaus temporär in der Bullingerkirche befindet, werden hier mindestens so wichtige Entscheide gefällt wie in den Chefbüros der Banken.
SP-Nationalrätin Min Li Marti (50) und Markus Kunz (65), früherer Präsident der Grünen Stadt Zürich, haben kürzlich den Podcast „Inside Bullingerplatz“ lanciert. Ich treffe die zwei Polit-Schlachtrösser im Café du Bonheur, gleich am Bullingerplatz. Der Ort ist gut besucht, dank der zarten Sonnenstrahlen sind sogar draussen Plätze besetzt. Weil die Mittagszeit vorbei ist, darf drinnen an den Tischen an den Laptops gearbeitet werden. Perfekt für ein Interview.
Sich auch mal aus dem Fenster lehnen
Der Zeitpunkt ist nicht zufällig gewählt. Am 8. März 2026, also in rund einem Jahr, finden in Zürich die Gemeinderats- und Stadtratswahlen statt. „Ich höre gern Podcasts, viel über amerikanische Politik in ‚Pod Save America‘ und in ‚The Bulwark Podcast‘, aber auch über nationale Politik im Podcast ‚Politbüro‘ des ‚Tages-Anzeigers‘. Diese sind offenbar erstaunlich erfolgreich“, sagt Marti, Verlegerin der „P.S. Zeitung“, die im Kreis 5 wohnt. Was es aber noch nicht gebe, sei ein lokalpolitischer Podcast.
Diese Lücke wollen nun die zwei „ehemaligen Insider“, wie sie sich selbst nennen, füllen. „Wir reden entweder zu zweit oder mit Gästen über alles, was mit den Wahlen zu tun hat“, sagt Kunz. Da weder Marti noch Kunz für ein Gemeinderats- noch Stadtratsamt antreten wollen, dürfen sie durchaus anecken. „Wir wollen uns auch mal aus dem Fenster lehnen und Aussagen treffen, die nicht allen gefallen“, so Kunz schmunzelnd, der mittlerweile nicht mehr in Wiedikon, sondern im Kreis 7 lebt.
Min Li Marti sass von April 2002 bis November 2015 im Stadtzürcher Parlament, Markus Kunz von Mai 2012 bis Mai 2022. Sie wissen also, wie der Hase läuft. Beiden ist aber bewusst, dass der Begriff „Insider“ auch Bürde sein kann. „Es ist eine Gratwanderung zwischen mehr wissen als andere, aber nicht alles sagen können“, erklärt Kunz, der vor seiner Pensionierung das Institut für Nachhaltige Entwicklung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften geleitet hat. Marti, studierte Soziologin und Publizistikwissenschafterin, ergänzt: „Wir sind sicher immer noch gut vernetzt.“
Die Podcaster haben auch eine klare Vorstellung davon, was eine gute Gemeinderätin oder ein guter Gemeinderat ausmacht. Für Kunz ist es unter anderem wichtig, dass Politikerinnen und Politiker egal welcher Partei eine klare Haltung vertreten. „Es ist einfacher, mit Menschen zusammenzuarbeiten, von denen man weiss, was sie wirklich wollen“, sagt der einstige Fraktionspräsident der Grünen. Ausserdem legt er Wert darauf, dass man fleissig ist und sich wirklich in die Dossiers eingelesen hat. Die SP-Nationalrätin Marti findet, es brauche auch Leute, die die grossen Linien sehen und sich nicht nur am Klein-klein abarbeiten würden. „Man muss nicht über alles, was man in der Zeitung liest, einen Vorstoss machen“, sagt sie augenzwinkernd. Beide denken, dass insbesondere die Vernetzung im Quartier und mit der Bevölkerung wichtig sei. Die komme aber wegen vieler anderer Verpflichtungen im Politik-Alltag häufig zu kurz.
Zwei aus dem gleichen politischen Spektrum
„Inside Bullingerplatz“ ist nicht Martis erster Podcast. So diskutierte sie 2020 mit der früheren SP-Gemeinderätin Natascha Wey über Feminismus im Podcast „Femme Fact“ oder 2023 mit dem ehemaligen SP-Gemeinderat Jean-Daniel Strub im Podcast „Gender Troubles“ über Gleichstellungspolitik. Auch Kunz ist kein Audio-Laie. Der frühere Fraktionschef der Grünen moderierte in jüngeren Jahren schon kurz nach der Gründung von Radio Lora im Jahr 1983 Sendungen beim nicht-kommerziellen Zürcher Lokalsender.
Bei Marti und Kunz handelt es sich um Personen aus dem gleichen politischen Spektrum. Doch aus ihrer Sicht besteht die Gefahr nicht, dass der Podcast dadurch langweilig wird. „Wir sind nicht immer der gleichen Meinung“, ist Kunz überzeugt. Ausserdem wollen die Politik-Insider Gästinnen und Gäste einladen, die dann aus dem Nähkästchen plaudern sollen. Marti denkt da an Fraktionspräsidentinnen und Fraktionspräsidenten aller Couleur, die über Hintergründe und Deals berichten. Kunz kann sich zudem Leute mit Einfluss in Zürich vorstellen, die nicht so im Rampenlicht stehen – zum Beispiel den Statthalter Mathis Kläntschi (Grüne) oder einen Vertreter der Gesellschaft der Schildner zum Schneggen (ein exklusiver Club für altehrwürdige Zürcher Familien). „In erster Linie soll es uns aber Spass machen“, betont Marti.
Alle zwei Wochen eine neue Folge
Geplant ist, dass im Moment alle zwei Wochen eine neue Folge von „Inside Bullingerplatz“ erscheint. Wenn der Wahlkampf nach den Herbstferien anzieht, möchten Marti und Kunz wöchentlich eine neue Episode veröffentlichen. Das Zielpublikum: alle 125 Gemeinderätinnen und Gemeinderäte und die Stadtzürcher Exekutive (und natürlich alle anderen politisch interessierten Menschen).
„Inside Bullingerplatz“ kann man auf Spotify, auf iTunes oder auf der Website des Podcasts hören und in einer Podcast-App via RSS abonnieren. Hier klicken, um direkt zur Website des Podcasts zu gelangen.

Sie haben kürzlich den kostenlosen Podcast "Inside Bullingerplatz" gestartet (v. l.): Markus Kunz (Grüne) und Min Li Marti (SP). Bild: Pascal Turin
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