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„Ich bin ziemlich resigniert“

Das Bild zeigt eine Situation, wo ein Automobilist einem Velofahrer auf der Velospur gefährlich nahe kommt.Das erlebt Gemeinderat Sandro Gähler oft: Autos, die den Velos zu wenig Beachtung schenken oder sogar zur Selbstjustiz in Form von Abdrängen greifen. Bild: zvg

Sandro Gähler ist Velofahrer und SP-Gemeinderat. Der Politiker empfindet die Stadt Zürich für Velofahrende oft als lebensgefährlich. Er hat Situationen erlebt, in denen es zu Selbstjustiz durch Autofahrende kam. Darum hat er eine schriftliche Anfrage an den Stadtrat eingereicht.

Zürich und das Thema Veloverkehr. Das ist wie McDonald’s und das Thema Abfall. Niemand fühlt sich richtig verantwortlich. Sogar Rad-Weltmeister und Olympiasieger Fabian Cancellara sagte letztes Jahr an einem nationalen Velokongress, er bedauere, wie gefährlich es sei, durch Zürich zu pedalen.

Tatsächlich sind neuralgische Punkte wie das Bellevue, das Central, der Bucheggplatz oder der Stadelhoferplatz für Velofahrende nach wie vor höchst gefährlich. Auf der privaten Plattform www.bikeable.ch sind Dutzende von Beispielen dazu dokumentiert, etwa über die „Velohölle“ Bucheggplatz. Oft führen schlechte Signalisationen und fehlende Velowege zu Konflikten zwischen Velofahrenden und Automobilisten. Das hat die Lobbyorganisation Pro Velo Kanton Zürich schon öfter thematisiert.


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Der Verkehrsexperte mit ETH-Abschluss

Einer, der solche Situationen jeden Tag erlebt, ist Gemeinderat Sandro Gähler. Der ETH-Elektroingenieur und Verkehrsplaner sitzt seit Mai 2024 für die SP Zürich 12 im Gemeinderat. Er hat einen bemerkenswerten Vorstoss im Stadtzürcher Parlament eingereicht. Der 38-Jährige fragt darin das zuständige Sicherheitsdepartement an, was die Stadt „gegen das aggressive Verkehrsklima in Zürich“ zu unternehmen gedenke. Denn laut Gähler hält dieses Klima viele potenzielle Velofahrende davon ab, in Zürich per Velo unterwegs zu sein.

Sandro Gähler, zuerst einmal eine klärende Frage. Was für ein (Stadt-)Velo fahren Sie?
Ich fahre ein 25er-E-Bike (also ein Elektrovelo, das höchstens 25 km/h schnell fährt, Anm. d. Red.). Das gemütlichste, unsportlichste Modell, welches ich gefunden habe. Es ist mit einem grossen Frontkorb ausgestattet, um auch einen grossen Einkauf transportieren zu können. Der Gepäckträger hat ein Polster und Fussstützen zum Transport von einer zusätzlichen erwachsenen Person, was seit dem 1. Juli erlaubt ist.

Ihr Vorstoss zur fehlenden Verkehrsregelkenntnis bei Autolenkenden greift ein Thema auf, das wohl viele Velofahrende kennen. Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen dazu?
Meine Erfahrungen mit dem Thema sind leider sehr zahlreich. Sie reichen von sehr velospezifisch (Zusatzschild „Rechts Abbiegen bei Rot für Velos erlaubt“ an Lichtsignalen) bis zu grundlegendsten Verkehrsregeln (Velos fahren auf der Fahrbahn, nicht auf dem Trottoir; Vortrittsregelung bei Trottoir-Überfahrten). Wie mir das mitgeteilt wurde, reichen die Feedbacks von Anmaulen, nach dem Ansprechen aufs Fehlverhalten („Das Handy in meiner Hand geht dich nichts an, und überhaupt fahr gefälligst auf dem Trottoir.“) über Anhupen und Anschreien („Rotes Lichtsignal!“, „Arschloch!“) bis zu vorsätzlicher Gefährdung durch Selbstjustiz durch Weg abschneiden etc.

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Sie sprechen das Rechtsabbiege-Schild für Velofahrende an. Ist diese relativ neue Möglichkeit in Zürich überhaupt selbsterklärend genug?
Das finde ich gar keine so wichtige Frage. Das an vielen Orten erlaubte Rechtsabbiegen bei Rot ist ein optionales Zusatzangebot für den Veloverkehr. Mit dem Velo kommt man tipptopp durch, ohne dieses jemals zu nutzen. Und das Bundesgericht hat wiederholt festgehalten, dass man sich im Strassenverkehr darauf verlassen können muss, dass es die anderen schon richtig machen werden – von dem her müssen die Autolenkenden solche Verkehrsregeln, welche sie gar nicht betreffen, auch nicht kennen, sondern einfach dem bei Rot rechts abbiegenden Velolenkenden zunicken und denken „der macht das schon richtig“.

„Noch schlimmer als das fehlende Verkehrswissen ist die Arroganz der Autolenkenden, dass Menschen auf dem Velo weniger wichtig und dem Autoverkehr untergeordnet sind.“

Gibt es aus Ihrer Sicht Städte, die das besser gelöst haben?
Brenzlige Situationen würde es gar nicht geben, wenn der Auto- und Veloverkehr strikt räumlich getrennt wäre. Separate Radwege haben separate Vortrittsregelungen, eigene Velolichtsignale etc. (Niederlande, Kopenhagen, Paris). Ganz trennen lässt sich der Verkehr jedoch nicht, und auf genügend wenig befahrenen Quartierstrassen macht eine Trennung auch keinen Sinn. Dort würden deutlich mehr Velofahrende einen grossen Unterschied machen, denn dann hätten alle Autolenkenden das ihnen aktuell unbekannte Verhalten der Velolenkenden schon dutzende Male gesehen und es wäre nicht mehr unbekannt.

Auf dem Bild sieht man einen Velofahrer auf einer rot markierten Velospur, der von einem Auto abgedrängt wird.Brenzliche Situation auf dem Bucheggplatz. Wenn der Velofahrer nicht aufmerksam gewesen wäre, läge er jetzt am Boden. Bild: zvg

Gibt es noch andere velospezifische Verkehrsregeln, die zu heiklen Situationen mit Autofahrenden führen können?
Dort, wo die Veloinfrastruktur nicht benutzt werden muss, zum Beispiel bei mehreren Fahrstreifen, die in dieselbe Richtung führen, wenn aber nicht alle davon einen Velostreifen haben. Ich fahre auf dem Fahrstreifen, welcher dorthin führt, wo ich hin will – und muss nicht auf den nebenan wechseln, um dort auf einem Velostreifen irgendwo ganz anders hinzufahren.

„Ich bin ziemlich resigniert und mittlerweile der Meinung, dass der (nationale) Gesetzgeber will, dass die Situation so schlecht ist, wie sie ist.“

Wie erleben Sie das Nebeneinander von Autos und Velos generell?
Die Arroganz der Autolenkenden, dass Menschen auf dem Velo weniger wichtig und dem Autoverkehr untergeordnet sind, ist noch schlimmer als das fehlende Verkehrswissen. Zwanzig Zentimeter Abstand beim Überholen werden als völlig in Ordnung angesehen, obwohl Abstand die einzige Knautschzone des Velos ist. Und die Haltung, dass Menschen auf dem Velo die Fahrfehler der Autolenkenden ja korrigieren können, zum Beispiel indem man das Velo auf das Trottoir schiebt, um in einer Engstelle Platz zu machen, auch wenn die Person auf dem Velo Vortritt hat.

Das Bild zeigt eine Auseinandersetzung zwischen einem Automobilisten und einem Velofahrer. Der Autofahrer war durch sein Handy abgelenkt und sah den Velofahrer nicht.Achtung Gefahr: Der Automobilist war am Handy und übersah den Velofahrer. Jetzt wird diskutiert. Bild: zvg

Wie sehen Sie das Problem, dass oft Töffs Velospuren befahren und belegen (vor allem vor den Lichtsignalen)?
Es ist tatsächlich ein weiteres Problem, welches sich mit stärkerer physischer Trennung zwischen Auto-/Töff- und Veloverkehr lösen liesse. Es würde sich aber mit deutlich mehr Velofahrenden von alleine entschärfen, da es dann einfach zu wenig Platz für Töffs auf den Velostreifen hätte beziehungsweise diese vor lauter Veloverkehr nicht mehr schneller vorwärts kämen.

Glauben Sie, dass Infokampagnen etwas bewirken oder braucht es mehr Polizeikontrollen?
Ich bin ziemlich resigniert und mittlerweile der Meinung, dass der (nationale) Gesetzgeber will, dass die Situation so schlecht ist, wie sie ist. Sonst gäbe es gescheitere Gesetze, zum Beispiel mit einem Mindestüberholabstand und Überholverboten. Und so lange die Mehrheiten bleiben, wie sie sind, wird sich an dieser Ausgangslage nichts ändern. Die Stadt Zürich kann kantonale und nationale Probleme nur sehr begrenzt lösen.

Die Stadt hat bis zum 11. September 2025 Zeit, um Sandro Gählers schriftliche Anfrage zu beantworten.

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