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Geschlechterverhältnis auf dem Prüfstand: Im Gemeinderat reden vor allem die Männer

Der Eingang des Rathauses Hard in Zürich.Der Gemeinderat debattiert jeweils am Mittwochabend im Rathaus Hard im Kreis 4. Eine Auswertung zeigt, dass im Stadtzürcher Parlament vor allem die Männer reden. Bild: Pascal Turin

Der Tätigkeitsbericht des Gemeinderats Zürich ist eine Fundgrube. Eine Auswertung ist besonders spannend. Das Parlament hat die Redezeit von Männern und Frauen vergleichen lassen. An der Spitze stehen drei Männer. Frauen könnten fast ein Drittel länger sprechen – erst dann wäre das Verhältnis aus­geglichen.

Es sind zwölf Seiten mit hübschen Diagrammen, die einen Eindruck bestätigen, den wohl schon einige Besucherinnen und Besucher von Debatten im Stadtzürcher Gemeinderat gewonnen haben. Im Parlament wird viel geredet und besonders gesprächig sind die Männer. Dies, obwohl böse Zungen behaupten, dass die Debatten häufig für die Galerie sind, also für Zuschauende und Medien, und die Parlamentarierinnen und Parlamentarier währenddessen Zeitung lesen oder auf dem Smartphone tippen.

Doch zurück zum eigentlichen Thema: Die Beilage zum Tätigkeitsbericht des Gemeinderats, die kürzlich veröffentlicht wurde, lässt keine Zweifel mehr zu. Der männliche Drang, das Mikrofon einzuschalten, ist real: Samuel Balsiger von der SVP hielt im Amtsjahr 2024/25 164 Voten, mit deutlichem Abstand gefolgt von GLP-Gemeinderat Sven Sobernheim mit 111 Wortmeldungen und SVP-Gemeinderat Stefan Urech mit 110 Voten. Johann Widmer, ebenfalls von der SVP, schaffte es mit 101 Wortmeldungen knapp nicht in die Top 3.


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Natürlich ist der Parlamentsbetrieb kein Wettbewerb, aber ohne Medaillenchancen blieb AL-Gemeinderätin Tanja Maag. Sie landete mit 78 Wortmeldungen auf Platz 5.

Hier die Top 10 der Wortmeldungen:

  1. Samuel Balsiger (SVP) ==> 164 Voten
  2. Sven Sobernheim (GLP) ==> 111
  3. Stefan Urech (SVP) ==> 110
  4. Johann Widmer (SVP) ==> 101
  5. Tanja Maag (AL) ==> 78
  6. Stephan Iten (SVP) ==> 74
  7. Michael Schmid (AL) ==> 72
  8. Sophie Blaser (AL) ==> 64
  9. Balz Bürgisser (Grüne) ==> 59
  10. Moritz Bögli (AL) ==> 58

SVP-Fraktionspräsident führt die Liste der Langredner an

Auch bei der Redezeit führt Samuel Balsiger die Liste an. Kein Wunder, ist Balsiger doch PR-Fachmann bei der berühmt-berüchtigten Goal AG und selbstständig erwerbend im Kommunikationsbereich. Der SVP-Fraktionspräsident redete im Amtsjahr 2024/25 sage und schreibe 7 Stunden und 32 Minuten lang. Balz Bürgisser von den Grünen wirkt dagegen mit 3 Stunden und 16 Minuten schon fast redefaul. Dabei ist er als ehemaliger Prorektor und Mathematiklehrer am Realgymnasium Rämibühl sprechen durchaus gewohnt.

Um Platz 3 und 4 stritten sich zwei Parteikolleginnen und Parteikollegen: Die AL-Vertretungen Michael Schmid (3 Stunden und 9 Minuten) sowie Tanja Maag (3 Stunden und 4 Minuten) gaben sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Hier die Top 10 der Redezeit:

  1. Samuel Balsiger (SVP) ==> 7 Stunden, 32 Minuten
  2. Balz Bürgisser (Grüne) ==> 3 Stunden, 16 Minuten
  3. Michael Schmid (AL) ==> 3 Stunden, 9 Minuten
  4. Tanja Maag (AL) ==> 3 Stunden, 4 Minuten
  5. Stefan Urech (SVP) ==> 2 Stunden, 58 Minuten
  6. Derek Richter (SVP) ==> 2 Stunden, 41 Minuten
  7. Stephan Iten (SVP) ==> 2 Stunden, 41 Minuten
  8. David Garcia Nuñez (AL) ==> 2 Stunden, 41 Minuten
  9. Sophie Blaser (AL) ==> 2 Stunden, 40 Minuten
  10. Johann Widmer (SVP) ==> 2 Stunden, 27 Minuten

Politikerinnen und Politiker von AL und SVP reden häufig

Was auffällt, ist, dass AL und SVP ein Rededuell ausfechten. Die zwei Pol-Parteien versuchen offensichtlich, sich im von Rot-Grün dominierten Gemeinderat Gehör zu verschaffen. „Die Auswertung widerspiegelt das häufig vorkommende Hin und Her zwischen SVP und AL. Nach Voten der einen folgen immer wieder Vorwürfe der anderen“, so der „Tages-Anzeiger“. 

Insgesamt gab es 2902 Wortmeldungen. Nach Fraktionen aufgeschlüsselt bedeutet das: Die SVP-Fraktion meldete sich mit 694 Voten am häufigsten, gefolgt von der SP (447), der FDP (424), den Grünen (387), der AL (365), der GLP (363), der Mitte/EVP (220) sowie den Wortmeldungen fraktionsloser Mitglieder (2). Die AL und die SVP haben im Verhältnis zu ihrem Anteil im Rat hohe Redeanteile. Während 8 Vertreterinnen und Vertreter der Alternativen Liste im Stadtzürcher Parlament sitzen, sind es bei der SVP deren 14. Ebenfalls einen leicht höheren Anteil an Wortmeldungen im Verhältnis zu ihrem Anteil im Rat haben die GLP sowie die Mitte/EVP.

Die Frauen ergriffen 868-mal das Wort

Ins Auge sticht, dass sich Sven Sobernheim von den Grünliberalen im vergangenen Amtsjahr zwar häufig zu Wort gemeldet hat, er sich dabei aber offensichtlich kurz hielt. Er taucht in der Top 10 der Langrednerinnen und Langredner nicht auf. Der Gemeinderat aus dem Kreis 11 scheint sich die Redewendung „In der Kürze liegt die Würze“ zu Herzen genommen zu haben.

Ausserdem lassen sich sehr wenige weibliche Namen in den Top 10 finden. Im Amtsjahr 2024/25 ergriffen die Frauen 868-mal das Wort (29,9 Prozent), die Männer hingegen 2034-mal (70,1 Prozent). Laut dem Tätigkeitsbericht waren am Ende des Amtsjahres 2024/25 46 Frauen und 79 Männer im Gemeinderat vertreten.

Die Frauen sprachen 32,7 Stunden (29,4 Prozent), die Männer 78,5 Stunden (70,6 Prozent). Der Unterschied zwischen dem Redeanteil der Frauen (29,4 Prozent) und ihrem Anteil im Parlament (37,7 Prozent) betrug 8,3 Prozentpunkte. „Wollten die Frauen ihren Redeanteil von 29,4 Prozent auf 37,7 Prozent erhöhen, müssten sie 41,9 Stunden sprechen“, heisst es in der Auswertung des Gemeinderats. Dazu müssten sie ihre Redezeit um 28,1 Prozent steigern.

Ungleichgewichte in der Debattenkultur sichtbar machen

Der Hintergrund zu den detaillierten Auswertungen ist ein Beschluss im Gemeinderat aus dem Jahr 2022. Die SP und die Grünen wollten, dass die Zahl der Voten und die Redezeit nach Geschlechtern analysiert werden. „Das Stadtzürcher Parlament bekommt ein ‚Genderwatch-Protokoll‘ – zum Entsetzen der Bürgerlichen“, titelte die „Neue Zürcher Zeitung“.

Marion Schmid, heutige alt Gemeinderätin der SP, betonte damals in der Debatte: „Wir wollen niemandem einen Maulkorb verpassen, wir wollen niemandem das Recht im Parlament zu sprechen einschränken.“ Schmid hatte den Beschlussantrag zusammen mit Selina Walgis von den Grünen eingereicht.

In der Beilage zum Tätigkeitsbericht wird der Auftrag neutral formuliert: „Eine Analyse der Voten soll Erkenntnisse über die Beteiligungsmuster in den Gemeinderatssitzungen liefern und allfällige Ungleichgewichte in der Debattenkultur sichtbar machen.“

Über Sinn und Unsinn dieses „Genderwatch-Protokolls“ diskutierten übrigens jüngst SP-Nationalrätin Min Li Marti und alt Gemeinderat Markus Kunz (Grüne) in ihrem Podcast „Inside Bullingerplatz.“ Auf eine Auswertung, ob Marti oder Kunz in der Podcast-Folge häufiger oder länger redeten, verzichten wir an dieser Stelle.

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