Die Fussball-Nati der Männer brauchte einige Jahrzehnte, um auf heutigem Niveau zu performen. Darum plädiere ich (59) dafür, an unser Frauen-Team zu glauben und mehr Freude, Geduld und Toleranz zu zeigen. Ein Kommentar.
Als Fussballfan musste ich schon einige Durststrecken erdulden. Darum kann ich es nicht erwarten, dass heute endlich die Europameisterschaft (EM) mit Schweizer Beteiligung beginnt.
Durststrecken? Das kam so. Zwischen 1966 und 1994 konnte sich die Schweiz mit ihrem Männerteam nie für eine Weltmeisterschaft (WM) qualifizieren. Ich feierte schon meinen 28. Geburtstag, als ich erstmals unserer Nati an einer WM zujubeln konnte. Bei der EM ging es dann nochmals zwei Jahre, bis es 1996 so weit war.
Vorher gab es gefühlt meist ehrenvolle Niederlagen oder diskussionslose Pleiten wie das 0:3 am 12. Oktober 1983 in Ostberlin. Ich weiss das noch, weil ich vor Ort war im grau-tristen Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark gleich neben der berühmt-berüchtigten Berliner Mauer. Dazu ein bisschen Statistik: In total fünf Länderspielen konnte die Schweiz gegen die Deutsche Demokratische Republik nie gewinnen. Eine triste Zeit, nicht nur wegen des damaligen Sowjetregimes in Osteuropa.
Die Fussball-EM 2025 – oder die Uefa Women’s Euro 2025, wie sie offiziell heisst – ist ein Grossanlass, an dem die Schweiz eigentlich nur gewinnen kann. Denn einerseits können wir zeigen, dass wir zur Festhütte taugen, und andererseits kann sich unsere Frauen-Auswahl vor nationalem und internationalem Publikum präsentieren.
Die Frauen-Nati muss sich nicht verstecken und darf auf erfolgreiche Endrundenqualifikationen zurückblicken. Da wären zum Beispiel die WM-Achtelfinals 2015 und 2023. Ausserdem war unser Nationalteam an der EM 2017 und an der EM 2022 dabei. Das ist eine beeindruckende Bilanz.
Die Nati befindet sich momentan in einem Generationenwechsel. Junge Talente wie Sidney Schertenleib, Leila Wandeler und Iman Beney drängen nach vorne und könnten in den nächsten Wochen für positive Schlagzeilen sorgen.
Erfreulich ist zudem, dass Stadt und Kanton ihre Hausaufgaben gemacht haben. Das Thema Fussball-EM ist auf sympathische, einnehmende Art im Zürcher Stadtbild präsent. Etwa mit den überdimensionierten roten Fussballtoren oder den grossen EM-Symbolen in Form eines Balls und einer Schiedsrichterpfeife. Auch süss ist das witzige Maskottchen Maddli. Das ist der Bernhardinerwelpe mit dem typischen Hundeblick. Maddli hebt sich wohltuend ab von den vielen eher verunglückten Maskottchen vergangener Grossanlässe. Kein Wunder, dass die Stofftier-Version in den meisten Filialen von Migros und Coop ausverkauft ist.
Kritiker des Frauenfussballs haben ihre Sternstunde
Was bei der Rad-WM von 2024 in Zürich völlig misslang, scheint bei der Fussball-EM zu gelingen. Nämlich das Sportthema so zu platzieren, dass es nachhaltige Wirkung hat. Sportminister Mario Fehr (parteilos) hat 100’000 Franken locker gemacht, um etwa das „Girl Soccer Talent Tournament 2025“ beim SC Wipkingen, das Turnier der „Flüelikurve“ des SC Veltheim, den Mädchen- und Frauenfussballtag des FC Stäfa oder das Trainingswochenende für Frauen mit den Fussball-Expertinnen Kathrin Lehmann und Martina Voss-Tecklenburg zu unterstützen. Es sind volksnahe Projekte, bei denen das Geld nicht in irgendeinem Büro einer Werbeagentur versickert.
Es bleibt zu hoffen, dass der Staat die Förderung des Mädchen- und Frauenfussballs in den nächsten Jahren nicht plötzlich wieder vergisst.
In den letzten Wochen hatten natürlich auch die Kritiker des Frauenfussballs ihre Sternstunde. Immerhin ging es meistens um die sportliche Leistung und den Abstand zur Weltspitze. Das ist schon ein Fortschritt. Ausser in der „Weltwoche“ oder auf dem Onlineportal „Inside Paradeplatz“, wo den Frauen auch 2025 nicht einmal das Flankenschlagen zugetraut wird. Aber das ist genau die Art Journalist, die dann zuvorderst mitjubelt, wenn unsere Nati im Viertel- oder sogar im Halbfinal stehen wird. Und es sind die Sorte Männer, die weiche Knie bekommen, wenn ihnen die selbstbewussten Ana-Maria Crnogorcevic oder Meriame Terchoun gegenüberstehen.
Halbfinal? Wenn nicht 2025, dann in einigen Jahren. Das haben die Männer im Übrigen noch nie geschafft. Aber ein Vergleich mit der Männer-Nati ist sowieso sinnlos. Im Tennis zum Beispiel stehen sich im Einzel zwei Damen oder zwei Herren gegenüber. Und niemand käme ernsthaft auf die Idee, die Aufschlaggeschwindigkeit von Martina Hingis und Roger Federer miteinander zu vergleichen.
Die überdimensionierte Trillerpfeife auf dem Löwenplatz in der Stadt Zürich fällt definitiv auf. Bild: Stadt ZürichEine neue (viel bessere) Fankultur entsteht
Mit dem Erfolg kommt auch die Präsenz in den Medien. Ich war die letzten Jahre an einigen Länderspielen der Frauen-Nati im Letzigrund in Altstetten. Manchmal waren die Weltformatplakate rund ums Stadion die einzigen Hinweise auf die Anlässe. Keine Vorschauen in den Tageszeitungen, geschweige denn Matchberichte nachher, zumindest nicht bei Freundschaftsspielen. Dafür eine super Stimmung im Stadion, viele junge Menschen und viele Familien. Gewaltpotenzial gleich null, aber eine riesige Liebe der Fans zum Team und zum Fussball. Die Toleranzgrenze gegenüber der nicht immer perfekten Fussballkunst: ebenfalls hoch. Es hat sich eine Fangemeinschaft etabliert, die sich nicht am Mainstream in den Medien orientiert.
Keine Frage also, dass die Medien bei der Berichterstattung Luft nach oben haben. Aber es wird langsam besser. Das Schweizer Fernsehen überträgt nun öfter Spiele der Axa Women’s Super League und der „Blick“ hat jüngst den Podcast „FORZA! Frauen. Fussball.“ gestartet. Ausserdem gibt es seit kurzem sogar ein gedrucktes Magazin über Frauenfussball aus der Schweiz.
Die positiven Erinnerungen an die EM 08 überwiegen
Doch zurück zur Fussball-Nati. Natürlich, hohe Niederlagen gab es in jüngster Zeit immer wieder. Etwa gegen die Topteams von Deutschland, England und Spanien. Mit entsprechenden ätzenden Kommentaren in den Medien. Dabei ist heute das Frauen-Fussballteam schon bedeutend weiter, als es das Männer-Pendant lange Zeit war. Im Oktober letzten Jahres gab es in Genf ein grandioses 2:1 gegen Frankreich. Dazu wie erwähnt zwei Achtelfinals an der WM und immerhin zwei Vorrundenteilnahmen an der EM. Ein beachtlicher Leistungsausweis!
Und noch ein Vergleich: Als die Schweiz zusammen mit Österreich die Fussball-EM 2008 ausrichtete, schied unsere Männer-Nati in der Vorrunde mit zwei Niederlagen aus drei Spielen sang- und klanglos aus. Trotz illustren Spielernamen wie Diego Benaglio, Philippe Senderos, Hakan Yakin, Valon Behrami und dem schon im ersten Spiel verletzten Alex Frei. Trotzdem bleibt mir die EM 08 als tolles Fussballfest in Erinnerung.
Das Momentum ist auf Seiten der Schweiz
Doch nun genug der ollen Kamellen. Heute Abend gilt es für die Schweiz um 21 Uhr gegen Norwegen ernst. Nach dem magischen 4:1 im Testspiel gegen Tschechien letzte Woche in Winterthur ist der zweite Sieg in Folge für die Frauen-Nati in Reichweite.
Das Momentum kippt auf unsere Seite und plötzlich ist alles möglich. Die Schweiz wird zum klassischen Turnierteam. Da bin ich voll überzeugt als typischer Modefan. In der Agenda dick angestrichen habe ich mir, dass ab dem 16. Juli die Viertelfinals stattfinden, auch in Zürich. Das Finale ist dann in Basel am 27. Juli. Bald rollt der Ball. Hopp Schwiiz!

Maddli heisst das putzige Maskottchen der Fussball-EM. Es besticht durch seinen typischen Hundeblick, findet Rathuus-Gründer Lorenz Steinmann. Bild: Stadt Zürich, Bildmontage: Rathuus
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