Das Kinderspital ist längst in seinen Neubau gezogen. Das alte, rund 20’000 Quadratmeter grosse Gelände an bester Lage lädt zum Träumen ein. Der Kanton Zürich plant ein neues Gebäude für das Zentrum für Zahnmedizin – doch die Bevölkerung will das frühere Kispi erhalten. Jetzt bahnt sich eine Zwischennutzung an.
Vorne projizierte der Beamer bereits die erste Folie an die Leinwand, während immer noch mehr Stühle herangeschafft werden mussten. Der Saal im Gemeinschaftszentrum (GZ) Hottingen war mit etwa 80 Menschen fast voll. Die AL Kreis 7 und 8 hatte zusammen mit der Zürcher Arbeitsgruppe für Städtebau (ZAS*) und der Interessengemeinschaft (IG) Kispi Hottingen eine rege besuchte Veranstaltung organisiert. Moderiert wurde der Anlass von Deborah Fehlmann, Redaktorin bei der Architekturzeitschrift Hochparterre.
Magnetwirkung dürften die angekündigten Rednerinnen gehabt haben: Neben der Stadtratskandidatin und Gemeinderätin Tanja Maag (AL) hielt die renommierte Architektin Barbara Buser ein Referat. Letztere gilt als Pionierin des zirkulären Bauens. Sie setzt sich dafür ein, Bauteile wiederzuverwenden und Gebäude zu erhalten, statt sie abzureissen. Ein Anliegen, für das die Stadt Zürich zumindest bis vor Kurzem wenig Gehör zu haben schien.
Alt Gemeinderat und IG-Mitbegründer Mischa Schiwow (AL) war ob des Publikumsaufmarsches sichtlich zufrieden. Gemeinsam mit Architekt Hugo Wandeler sowie EVP-Politikerin Stéphanie von Walterskirchen setzt er sich schon lange für eine Umnutzung des ehemaligen Areals des Kinderspitals Zürich – im Volksmund liebevoll Kispi genannt – ein. Seit das Kispi im November 2024 von Hottingen in einen Neubau der Stararchitekten Herzog & de Meuron im Lengg-Quartier gezogen ist, stehen die früheren Spitalgebäude leer. Aktuell findet eine Schadstoffsanierung statt, die laut Auskunft der Medienstelle der Baudirektion voraussichtlich bis Mitte des zweiten Quartals 2026 dauern wird.
Die Wunschliste aus dem Quartier ist lang
Klar ist: Das alte Kispi-Areal weckt Begehrlichkeiten und Hoffnungen. Auch bei der Quartierbevölkerung. An der Veranstaltung im GZ Hottingen wurden darum Vorschläge gesammelt. Die meisten davon waren pragmatisch. So zeigt sich, dass sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein Generationenhaus, Alterswohnungen oder gar ein von Älteren geführtes Café vorstellen könnten. Oder wie wäre es mit einem Kompetenzzentrum für Kinderschutz mit „Schlupfhuus“ sowie Wohnraum für Studierende? Manche wünschen sich öffentliche Freiräume, Gärten, Obstbäume – das Gebiet soll durch verschiedene neue Nachbarinnen und Nachbarn belebt werden.
Die Quartierbewohnerinnen und Quartierbewohner befürchten aber, dass das Areal noch lange ungenutzt beziehungsweise leer bleibt und damit eine riesengrosse Chance für das Quartier sowie die Stadt verpasst wird. Diese Ängste waren lange nicht unbegründet, doch nun scheint der Regierungsrat einzulenken – zumindest teilweise, wie einem kürzlich publizierten Regierungsratsbeschluss zu entnehmen ist.
Aber von Anfang an: Das rund 20’000 Quadratmeter grosse Gelände am Zürichberg gehört dem Kanton Zürich. Dieser plant dort ein neues Gebäude für das Zentrum für Zahnmedizin (ZZM) inklusive Flächen für das Comprehensive Cancer Center Zürich, ein Kompetenzzentrum für die Krebsmedizin und Krebsforschung. Gemäss einem Artikel der „Neuen Zürcher Zeitung“ sieht das auch der sogenannte Richtplan vor. „Doch für die etwa 400 Millionen Franken teure Investition fehlen ihm derzeit die Mittel. Das Vorhaben ist zurückgestellt, ein Datum für den Baubeginn gibt es nicht“, schreibt die NZZ. Das ZZM ist aktuell an der Plattenstrasse untergebracht.
Das alte Kispi-Bettenhaus, 1981 fotografiert, bietet laut der Broschüre der Zürcher Arbeitsgruppe für Städtebau auch Potenzial für eine Aufstockung. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / LBS_L1-810611Architekten wollen zum Umdenken anregen
Die IG Kispi Hottingen will nicht, dass das alte Kinderspital einem Neubau weichen muss. „Zusammengefasst sind Wandeler, von Walterskirchen und Schiwow, sowie über 1000 Leute, die eine entsprechende Petition unterschrieben haben, überzeugt, dass sich die bestehenden Gebäude auf dem heutigen Areal des Kinderspitals für das Zentrum für Zahnmedizin nicht eignen“, heisst es in einem Artikel des Onlineportals Zürich24 von 2022.
Die ZAS* wiederum möchte generell zum Umdenken anregen. Die Gruppe junger Architektinnen und Architekten wehrt sich gegen „Abbruch auf Vorrat“, will der Bausubstanz Sorge tragen und die Nutzung von alten Gebäuden weiterdenken. Ein zumindest indirekter Erfolg konnten die Architekturschaffenden mit ihrem Einsatz für die ehemaligen Triemli-Personalhäuser A, B und C verbuchen. Eigentlich hatte die Stadt die drei 43-Meter-Hochhäuser abreissen wollen. Also lancierte die ZAS* der Newssite Zürich24 zufolge einen „spekulativen Ideenwettbewerb“. Das Ziel: Der Erhalt der drei Betontürme beim Triemlispital, das zum Stadtspital Zürich gehört. Anfang 2023 führten die Architekturschaffenden darum die Ausstellung „Stadthotel Zürich“ im Zentrum Architektur Zürich, das in der Villa Bellerive im Seefeld untergebracht ist, durch. Jetzt werden die Gebäude für Asylsuchende zwischengenutzt – dank Druck aus dem Gemeinderat ist zudem die Instandsetzung der Häuser B und C geplant, wie „Zürich24“ Ende 2024 schrieb.
Beim ehemaligen Kispi-Areal in Hottingen fordert die ZAS*, dass die laufende Planung überdacht wird. Einer hübsch gestalteten Broschüre ist zu entnehmen, wie die Zukunft des Areals im Bestand weiterentwickelt werden soll. Oliver Burch von der ZAS* wünscht sich, dass der Kanton vom ZZM-Neubau absieht. „Es geht nicht darum, das beste Gebäude für ein Programm zu finden, sondern das beste Programm für ein Gebäude“, sagte der Architekt an der Veranstaltung im GZ. Die ehemaligen Gebäude des Kispi sollen erhalten bleiben – und mit einem Programm gefüllt werden, welches zu den bereits bestehenden Bauten passt.
„Viele Spitalbauten der Nachkriegszeit, einst auf dem neuesten Stand der Technik, gelten heute als überholt. Wie aber umgehen mit diesem bedeutenden, aber sperrigen Erbe?“, fragt die ZAS* in ihrer Broschüre. Das Kispi-Areal – und insbesondere die Umnutzung des Bettenhauses – biete eine Antwort: „Es könnte beispielhaft zeigen, wie funktionale Spitalarchitektur in ein lebendiges Stadtquartier überführt werden kann.“
Für die ZAS* ist klar: „Der Verzicht auf den Neubau des ZZM zugunsten der Weiternutzung des Bestands birgt ein erhebliches ökonomisches Potenzial.“ Zwar erfordere auch die Weiternutzung Investitionen, doch sei die Effizienz des eingesetzten Kapitals deutlich höher, wenn in die Ertüchtigung und in den Umbau der bestehenden Gebäude investiert werde. „Die veranschlagten Kosten von rund 400 Millionen Franken für das neue ZZM wären an einem anderen Standort besser eingesetzt – sofern ein solches Zentrum überhaupt noch erforderlich ist“, schreibt die ZAS* in der Broschüre mit dem Titel „Kispi nutzen statt abreissen“.
Sie standen im GZ Hottingen im Mittelpunkt (v. l.): Oliver Burch von der ZAS*, Architektin Barbara Buser, AL-Stadtratskandidatin Tanja Maag sowie Moderatorin Deborah Fehlmann vom "Hochparterre". Bild: Pascal TurinNormale Wohnungen sind nicht möglich
Auch die Politik wurde von links bis rechts verschiedentlich mit Vorstössen aktiv – im Gemeinderat sowie im Kantonsrat. An der Quartierveranstaltung im GZ Hottingen führte AL-Politikerin Tanja Maag aus, dass fast nichts unversucht gelassen wurde.
Ein Beispiel gefällig? „2023 schrieb der Regierungsrat in einer Antwort auf eine Anfrage, dass er bereit sei, eine Teilfläche des Areals an die Stadt Zürich abzutreten“, so die „P.S. Zeitung“. Gestützt auf diese Antwort hätten AL-Vertreterinnen und AL-Vertreter im Gemeinderat die Anfrage gestellt, wie weit diese Gespräche zwischen Stadt und Kanton bereits fortgeschritten seien und ob die Stadt dafür bereits Optionen entwickelt habe.
Das Problem: Das alte Kispi liegt in der Zone für öffentliche Bauten. Maag erklärte, dass deshalb normale Wohnungen nicht gesetzeskonform sind. Zweckgebundenes Wohnen, beispielsweise Alterswohnungen, wäre allerdings wohl erlaubt.
Wie der „Tages-Anzeiger“ festhält, hat der Kantonsrat eine von der SP und der GLP vorgeschlagene Richtplanänderung, um gemeinnützige Wohnungen zu ermöglichen, abgelehnt. „Zwischennutzungen als Studierendenheim oder für die Unterbringung von Asylsuchenden hat das Parlament hingegen explizit gewünscht“, so der Tagi.
Kanton prüft Zwischennutzungen schon länger
Es ist also kompliziert. Und plötzlich kommt doch Bewegung in die Sache. Wenigstens ein bisschen. Womit wir wieder beim bereits erwähnten Regierungsratsbeschluss wären. Es handelt sich um eine Antwort auf ein dringliches Postulat von SP, GLP, Grünen und AL. Nun sieht es danach aus, als ob auf dem alten Kispi-Areal Asylsuchende untergebracht werden könnten.
„Eine Zwischennutzung für eine Asylunterkunft ist aus planungsrechtlicher Sicht zulässig“, heisst es nämlich in der schriftlichen Antwort. Hingegen wäre eine Zwischennutzung für studentisches Wohnen nur dann möglich, wenn das Planungs- und Baugesetz geändert würde. Ein bisschen überrascht darf man darüber durchaus sein, denn laut der NZZ äusserte sich der Regierungsrat noch vor einem Jahr negativ zu einem Vorschlag der SVP, das alte Kispi provisorisch als Asylunterkunft zu nutzen.
Die Prüfung und Planung von Zwischennutzungen, wie im Postulat gefordert, seien seit Längerem im Gange. „Eine temporäre Nutzung für die Unterbringung von Asylsuchenden durch das Kantonale Sozialamt ist an der Pestalozzistrasse 55 in Planung“, schreibt der Regierungsrat. Für die Gebäude Oberes Haus und Spiegelhof werde mit der Stadt Zürich geprüft, ob sich diese für Unterkünfte von Geflüchteten eignen würden. Ein entsprechender Umbau sei mit einigem Aufwand verbunden und die Nutzung sei daher auf mindestens zehn Jahre auszurichten. „Im Kernareal und in weiteren Gebäuden sind Zwischennutzungen möglich, aber je nach Nutzung sehr aufwendig“, heisst es in der Antwort. Daher würden auch niederschwellige, partielle Zwischennutzungen geprüft, die ohne grössere Investitionen realisierbar wären.
Situation mit geplanten Vorhaben: An der Pestalozzistrasse 55 und in den Gebäuden Oberes Haus sowie Spiegelhof könnten Asylsuchende einquartiert werden. Karte: Kanton ZürichDer Kanton hält am Neubau auf Kispi-Areal fest
Ein Wermutstropfen aus Sicht des ZAS* dürfte sein, dass der Kanton den ZZM-Neubau weiterverfolgen will. Die Planungsarbeiten für das ZZM seien abgeschlossen, das Vorhaben sei im Konsolidierten Entwicklungs- und Finanzplan (KEF) 2026–2029 aber nicht eingestellt. „Der Regierungsrat wird dessen Aufnahme, zusammen mit allen kantonalen Vorhaben, im Hinblick auf den nächsten KEF 2027–2030 erneut prüfen“, sagt Dominik Bonderer, Mediensprecher der Baudirektion, gegenüber Rathuus. Der Zeitpunkt des Baubeginns für das ZZM sei zurzeit offen.
Als kurzer Einschub: Der KEF zeigt auf, wie sich der Kanton in den nächsten Jahren entwickeln soll und wie er dabei sein Geld einteilen will.
Der Regierungsrat ist ausserdem bereit, die nicht benötigte Teilfläche gemäss der kantonalen Veräusserungspraxis der Stadt Zürich zur Erfüllung öffentlicher Aufgaben – zum Beispiel zonenkonforme Wohnnutzung – zu veräussern.
Von der Stadt Zürich heisst es auf Anfrage von Rathuus, sie prüfe laufend den Erwerb von Liegenschaften und Grundstücken. „Stadt und Kanton Zürich stehen dazu in regelmässigem Austausch“, erklärt Kornel Ringli von Liegenschaften Stadt Zürich. Zu laufenden Verhandlungen äussere sich die Stadt nicht. Ringli: „Wir informieren proaktiv, sobald der Stadtrat einen entsprechenden Beschluss gefasst hat.“
Mit anderen Worten: Das Finanzdepartement unter Daniel Leupi (Grüne) scheint nicht abgeneigt, Boden und Gebäude zuzukaufen.
Doch zurück zur Veranstaltung im Hottingersaal. Architektin Barbara Buser vom Baubüro In Situ hat sich, wie erwähnt, dem zirkulären Bauen verschrieben. An den Solothurner Filmtagen wurde gerade ein Dokumentarfilm über sie gezeigt, und sie setzte sich in Basel erfolgreich für den Erhalt sowie die Umnutzung des ehemaligen Felix Platter-Spitals ein. Buser wünschte den Anwesenden Mut zum Umdenken und erhielt dafür viel Applaus. Der Abend hat gezeigt, dass das alte Kispi bewegt. Ob die Stimmen aus der Quartierbevölkerung gehört werden, wird sich allerdings weisen müssen.

Durch den Umzug des Kinderspitals im November 2024 ist in Hottingen ein grosser Leerstand entstanden. Das 1968 erbaute Bettenhaus, der Operationstrakt und der Wirtschaftstrakt sollen abgerissen werden. Bild: Pascal Turin
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