Die Stadt Zürich hat eine Kampagne lanciert. Sie will für mehr Verständnis zwischen Fussgängern und Velofahrerinnen sorgen. Wir haben nachgefragt, was sich die Verwaltung davon verspricht. Immerhin ist die Kampagne viel günstiger als der Velotunnel.
„Abstand ist Anstand“ lautet der Slogan der neusten Verkehrskampagne in der Stadt Zürich. Dahinter stehen Pro Velo Kanton Zürich, Fussverkehr Schweiz und die Dienstabteilung Verkehr der Stadt Zürich (DAV). Das Ziel: „Ein besseres Miteinander von Fuss- und Veloverkehr durch rücksichtsvolles Verhalten“, heisst es auf Anfrage. Die Kampagne erinnert an Aktionen wie „So fahren, wie wenn das Grosi dabei wäre“ aus dem Jahr 2019 sowie „Generell freundlich, freundlich kommt man in Zürich besser an“ von 2015.
Es sind unauffällige Aktionen, die nie einen Preis holen bei den Werbungen des Jahres. Doch während die Grosi-Plakate und die auf jedem Polizeiauto prangenden „Generell freundlich“-Kleber wenigstens öffentlich präsent waren, haben sich die Verantwortlichen der neusten Kampagne „Abstand ist Anstand“ dazu entschieden, digital über die sozialen Medien zu kommunizieren. Will heissen: Die Kampagne ist bisher eine rein virtuelle Angelegenheit.
Laut Kommunikations-Fachperson Chantal Stocker von der DAV zieht die Stadt aber in Erwägung, „die Kampagne im öffentlichen Raum weiterzuentwickeln“.
Fussgängerinnen und Velofahrer sollen also vorderhand aufs Handy schauen, um mit Abstand und mit Anstand aneinander vorbeizukommen. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Wie gefährlich die Benutzung des Mobiltelefons als Verkehrsteilnehmer und -teilnehmerin nämlich ist, zeigen Kampagnen wie „Tipp, tipp, tot“ und „Be smart“ aus Deutschland sowie aktuell „App-gelenkt“ der Kantonspolizei Zürich.
Immer auf die Schwächeren
Doch worum geht es eigentlich bei „Abstand ist Anstand“? Das 30-sekündige Animations-Filmchen zur Kampagne zeigt das zwischenmenschliche Verhalten auf der Strasse respektive auf dem Trottoir, in einer Art Kaskadenprinzip (Stichwort: Joggeli söll ga Birli schüttle). Ein Velofahrer wird von einem Autofahrer drangsaliert, indem der Drahtesel mit engem Abstand überholt wird. Der Velofahrer rächt sich, indem er einen Fussgänger sehr knapp überholt. Der Fussgänger wiederum bedrängt eine Ente, die ihm im Weg ist.
Laut den Macherinnen und Machern soll der Clip auf humorvolle Weise zum Perspektivenwechsel auffordern. Angeklickt haben ihn Stand heute Mittwoch auf der Social-Media-Plattform Instagram etwa 10’800 Leute. Auf dem Videoportal Youtube sind es nur rund 380 Aufrufe. Aber immerhin hat der Youtube-Kanal des Grünen Nationalrats Balthasar Glättli (@bglaettli) in den Kommentaren zum Video ein Herz-Emoji hinterlassen.
Überschaubare Menge an Kommentaren
Die Kommentare auf Instagram sind mengenmässig und inhaltlich überschaubar. Beispiele gefällig? „Trennt endlich diese leidigen Mischzonen. Wenn nirgendwo das Velo priorisiert wird, macht man so einen Seich“, schreibt Schniggischnägli. „Ihr mached würkli alles usser de ÖV endlich fördere“, findet Stengelboy96.
Und Marmey90 stellt fest, dass „ganz einfach die Autos verantwortlich sind für den knappen Stadtraum von Velo- und Fussgängerbereichen“. Da habe es noch sehr viel Potential, den begrenzten Raum für Velos und Fussgänger zu vergrössern.
Kleine Brötchen für Kampagne, 40 Millionen für einen Velotunnel
Die laut der Stadt Zürich ausgegebenen 10’000 Franken für die Produktion des Videos sowie die Massnahmen zur Bewerbung der Kampagne scheinen angemessen. Die Kosten für solche animierte Filme können je nach Komplexität und Stil stark variieren.
Dass kein Geld ausgegeben wurde „für die Ideenentwicklung und den Arbeitsaufwand von Pro Velo Kanton Zürich in Zusammenarbeit mit Fussverkehr Schweiz“ ist natürlich ein Pluspunkt.
Die Stadt Zürich hat also kleine Brötchen gebacken für diese Kampagne. Gross angerichtet hat sie hingegen beim Bau des Velotunnels unter dem Hauptbahnhof hindurch.
Dieses bisher grösste Velo-Infrastrukturprojekt in Zürich wird am 22. Mai eingeweiht. Mit der Eröffnung der Veloverbindung unter dem HB zwischen dem Sihlquai und der Sihlpost wird durchaus etwas Historisches gefeiert. Was vor rund 70 Jahren als Idee für eine Autobahn mitten durch die Stadt begann, findet nun einen Abschluss, inklusive kostenlose Velo-Abstellplätze und einem direkten Zugang zum Hauptbahnhof.
Die Kehrseite der Medaille: Weil sich Politiker und Planerinnen heftig getäuscht haben, betragen die Kosten mittlerweile über 40 Millionen Franken. Für 320 Meter Tunnel ist das eine stolze Summe. Teurer pro Meter ist da nur noch die Einhausung Schwamendingen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Ausschnitt aus dem Video zur Kampagne "Abstand ist Anstand": Der Clip will auf humorvolle Weise das Nebeneinander von Velofahrenden und zu Fuss Gehenden, aber auch von Autofahrenden aufzeigen. Video: Youtube, Screencast: Rathuus
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