Noch dauert es bis zum 8. März 2026. Doch schon heute ist klar, dass es die Bürgerlichen bei den Stadtratswahlen in Zürich nicht einfach haben werden. Während Links-Grün aus der Position der Stärke agieren kann, müht sich Mitte-rechts damit ab, geeignete Kandidatinnen und Kandidaten zu finden. Eine Übersicht.
Was gab es nicht schon alles für bürgerliche Ideen, um die seit gut 35 Jahren bestehende rot-grüne Phalanx in der Stadtzürcher Exekutive zu durchbrechen. Versucht wurde es mit überparteilichen Bündnissen mit Namen wie „Züri positiv“. Oder man holte Quereinsteiger in der Lokalpolitik wie Monika Weber (Landesring der Unabhängigen) oder Filippo Leutenegger (FDP). Doch auch diese Zugpferde schafften es nicht, das Verhältnis Rot-Grün versus Bürgerliche zu kippen.
Aktuell lautet dieses Verhältnis 6 zu 3. Und wenn man beim eher linksliberal handelnden Andreas Hauri von den Grünliberalen (GLP) seinen Parteinamen für bare Münze nimmt, lautet das Verhältnis gar 7 zu 2. Eine Situation, die die Bürgerlichen seit 1990 schier verzweifeln lässt.
Das erklärt vielleicht auch, warum es FDP und Co. einfach nicht gelingt, eine valable Konkurrenz aufzubauen. Punkto Popularität und Medienpräsenz am erfolgreichsten war in den letzten Jahren ohne Zweifel Filippo Leutenegger. Doch mit Jahrgang 1952 tritt er nun nicht mehr an. Er versuchte zweimal erfolglos, Stadtpräsident zu werden. Corine Mauch (SP) stand immer in der Sonne. Sie sitzt seit 16 Jahren erfolgreich im Sattel. Sie tritt 2026 aber auch nicht mehr an, ebenso wie Parteikollege und Hochbauvorsteher André Odermatt, der seit 15 Jahren im Amt ist.
So werden immerhin drei Sitze frei im neunköpfigen Gremium. Das würde einen durchaus lebhaften Wahlkampf garantieren. Doch die FDP als stärkste bürgerliche Partei in Zürich ist aktuell merkwürdig passiv oder lässt sich bei der Entscheidungsfindung erstaunlich viel Zeit. Dabei ist der Wahltermin schon lange bekannt. Doch davon später.
Zuerst zu den Fakten: Wieder antreten werden Finanzvorsteher Daniel Leupi (Grüne). Er ist seit 2010 Stadtrat. Ebenfalls weitermachen wollen Sicherheitsvorsteherin Karin Rykart (Grüne), die seit 2018 im Amt ist, und Andreas Hauri, Vorsteher des Gesundheits- und Umweltdepartements, der seit 2018 im Stadtrat sitzt. Auch SP-Stadträtin Simone Brander, Vorsteherin des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements, seit 2022 in der Exekutive der Limmatstadt, und FDP-Stadtrat Michael Baumer, Vorsteher des Departements der Industriellen Betriebe, seit 2018 im Amt, kandidieren wieder. Zu guter Letzt ist da von den Bisherigen noch Raphael Golta (SP). Er ist seit 2014 Vorsteher des Sozialdepartements und strebt nun sogar nach dem Stadtpräsidium.
Die Gesamterneuerungswahlen finden am 8. März 2026 statt. Also die Neuwahlen für den Stadt- aber auch für den Gemeinderat, das Parlament also. Ein allfälliger zweiter Wahlgang fürs Stadtpräsidium, die Stichwahl also, ist für den 10. Mai angesetzt.
Und damit zur Rathuus-Übersicht, welche Partei mit welchen Kandidatinnen und Kandidaten antritt oder wer zumindest in den internen Rennen vorne dabei ist.
SP: Dominant und ein wenig selbstzufrieden
Hört man sich in der linken Hälfte des Gemeinderats um, sind einige insbesondere mit den drei SP-Vertretungen nicht ganz zufrieden. Ginge es nach der Mehrheit des Parlaments, gäbe es schon heute viel weniger Autos, mehr Bäume, breitere Velowege und mehr bezahlbaren Wohnraum. Doch die Exekutive lässt sich bei manchen Themen viel Zeit, baut auf den typisch schweizerischen Kompromiss und agiert aus einer gewissen Selbstzufriedenheit heraus.
Für die Kandidatinnen und Kandidaten der Sozialdemokraten gilt die Faustregel, dass das Überstehen der internen Ausmarchung die halbe, ja fast schon die ganze Miete ist. Wer nominiert wird, wird auch gewählt. Weil bei den SP-Delegierten ein gewisser Generationenwechsel auszumachen ist, könnte das durchaus für neue, überraschende Kräfte sorgen.
So könnte Kantonsrätin Mandy Abou Shoak, die fürs Stadtpräsidium kandidiert, aus Sicht der Basis noch zur Wunschkandidatin fürs Stadtpräsidiumsamt avancieren. Und wenn das nicht klappt, einen Sitz im Stadtrat hätte die 36-Jährige auf sicher – falls sie von der Partei aufgestellt wird.
Der interne Konkurrent fürs Stadtpräsidium ist Raphael Golta (Jahrgang 1975). Er sieht die Zeit gekommen, nach zwölf Jahren als Sozialvorsteher aufzusteigen. Kritiker sehen das als Altersbelohnung, Golta-Fans als Zeichen der sozialdemokratischen Kontinuität. Der Pragmatiker hat in seiner Amtszeit erreicht, dass seit 2017 Sozialhilfebeziehende nicht mehr um jeden Preis bei der Arbeitsintegration mitmachen müssen. Für „hoffnungslose“ Fälle wäre der Versuch der Integration nur eine Quälerei.
Keine guten Noten holte sich Golta hingegen als Vizepräsident der Asylorganisation Zürich (AOZ). Diese ist verantwortlich für die Betreuung im Stadtzürcher Bundesasylzentrum. Golta war für den Bau, muss sich aber bis heute Kritik dafür gefallen lassen, dass Geflüchtete schlecht behandelt werden.
Interne Kronfavoritin für einen SP-Sitz im Stadtrat ist Nationalrätin Céline Widmer. Sie hat kürzlich im „Tages-Anzeiger“ bekannt gegeben, dass sie Stadträtin werden will. Die 46-Jährige ist Präsidentin des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks Zürich und war zehn Jahre im Stab von Stadtpräsidentin Corine Mauch tätig. Sie kennt also die Feinmechanik der Verwaltung bestens. Böse Zungen nennen das auch den Elfenbeinturm. Von 2012 bis 2019 war die als fleissig geltende Widmer Kantonsrätin.
Schon Ende März hat Gabriela Rothenfluh ihre Kandidatur angekündigt. Rothenfluh ist seit 2018 Präsidentin der Kreisschulbehörde Waidberg. Von 2014 bis 2018 stand sie gemeinsam mit Marco Denoth – der im übrigen abgesagt hat für eine Kandidatur – der Stadtzürcher SP als Präsidentin vor und sass von 2011 bis 2018 im Stadtparlament. Sie gilt eher als kühle Rechnerin und Karrieristin. Sie hatte aber immerhin 2018 den Mut, gegen das damalige Fussballstadion-Projekt auf dem Hardturm (erfolglos) anzukämpfen.
Fast gleichzeitig hat auch Tobias Langenegger sein Interesse angemeldet. Notabene als Stadtrat und nicht als Stadtpräsident. Der 39-jährige Ökonom sitzt seit 2015 im Kantonsrat, seit 2022 ist er Co-Präsident der SP-Fraktion. Mit seinem urbanen Aussehen und seinem Wohnort im Wahlkreis 4 und 5 wirkt er wie der Idealtypus eines modernen Kandidaten seiner Partei. Besser wäre nur noch, er wäre eine Frau.
Die internen Nominationen der SP finden am 26. Juni statt.
Grüne wollen dritten Sitz
Die Stadtzürcher Grünen versuchen, einen dritten Sitz zu erobern. Dies natürlich nicht auf Kosten der SP. Im Visier hat die Ökopartei den zweiten Sitz der FDP.
Als dritte Kandidatin neben den Bisherigen Karin Rykart und Daniel Leupi wird Anna-Béatrice Schmaltz gehandelt, Co-Präsidentin der städtischen Partei. Schmaltz setzt sich für Tierschutz, für Queer- und für feministische Themen ein. Sie dürfte darum in der Partei starken Rückhalt geniessen. Eine andere mögliche Kandidatin ist Selma L’Orange Seigo, Präsidentin der Grünen Kanton Zürich. Auf Anfrage der NZZ zieht sie „grundsätzlich eine Kandidatur in Betracht“.
Dominik Waser, der 2022 ein beachtliches Resultat erzielte als Stadtratskandidat und schliesslich immerhin in den Gemeinderat gewählt wurde, dürfte wegen der Geschlechterfrage ausser Rang und Traktanden fallen.
Das lange Werweissen bei der FDP
Salopp gesagt befindet sich die FDP seit 1990 im Sinkflug. Damals begann das rot-grüne Zeitalter. SP-Kandidat Josef Estermann trat gegen den Bisherigen Thomas Wagner (FDP) an für das Amt des Stadtpräsidenten. Anstelle von Wagner wurde Estermann vom Souverän gewählt. Seither hat es die FDP schwer. Bei den letzten Gesamterneuerungswahlen von 2022 schaffte der Bisherige Michael Baumer zwar die Wiederwahl. Er holte aber nur rund 1200 Stimmen mehr als der nicht-gewählte AL-Kandidat Walter Angst. Seither ist Baumer nicht sonderlich aufgefallen. Dass der kantonale Kredit fürs Tram Affoltern vertagt wurde, konnte der 50-Jährige nicht verhindern. So muss Baumer wohl um die Wiederwahl zittern.
Ein geeigneter Kandidat als Nachfolger des nicht mehr antretenden Filippo Leutenegger wäre laut der NZZ der städtische FDP-Parteipräsident Përparim Avdili. „Ein albanischer Secondo als Kandidat würde der Partei in der Stadt Zürich Sympathiepunkte bringen“, ist die NZZ überzeugt. Ambitionen hat dem Vernehmen nach auch Flurin Capaul, der politisch sehr aktive Gemeinderat aus Wiedikon.
Weil im Jahr 2025 Frauen generell bessere Chancen haben dürften, läuft die Suche weiter. Kantonsrätin Sonja Rueff-Frenkel könnte es nochmals versuchen, obwohl sie 2022 bei den Stadtratswahlen lediglich den 12. Rang erzielte. Experten geben der 52-Jährigen mehr Chancen, wenn sie dereinst als Nachfolgerin von Parteikollegin Carmen Walker Späh als Regierungsrätin kandidieren würde.
Und sonst noch? Aus der FDP-Gemeinderatsfraktion soll die 55-jährige Marita Verbali, Unternehmerin und Spitalplanerin, Ambitionen hegen. Abgesagt haben hingegen Yasmine Bourgeois und Martina Zürcher, wie sie auf Anfrage der NZZ betonten.
Unklar ist, mit wem die FDP das Stadtpräsidiumsamt angreifen will. Stadtrat Michael Baumer hat eine allfällige Kandidatur angetönt. Aber möchte der eher ruhige Politiker wirklich gegen Kollegen aus dem Stadtrat antreten? Möglich könnte auch eine überparteiliche Kandidatur sein. Herumgereicht wird der Name von Christian Jott Jenny. Der unkonventionelle Opernsänger und Kulturmanager ist aktuell Gemeindepräsident von St. Moritz, als Parteiloser. Weil er dort bis 2028 gewählt ist, wäre die Kandidatur eher unschön für Graubünden und für Jennys Ruf.
GLP: Angriff angekündigt
In der Stadt werden die freien Sitze in der Regierung auch bei anderen Parteien Begehrlichkeiten wecken. Logisch ist eine zweite Kandidatur aus Sicht der GLP mit 13 Prozent Wähleranteil: Hauri hat als ihr bisheriger Kandidat beste Wiederwahlchancen. Die Grünliberalen haben eigentlich nichts zu verlieren. Die GLP will darum einen zweiten Sitz. Nun schickt sie neben Hauri die Gemeinderätin Serap Kahriman ins Rennen. Kahriman hatte schon 2022 als Stadträtin kandidiert, mit beachtlichem Resultat.
Aus dem Rennen genommen hat sich hingegen Kantonsrätin Monica Sanesi, „aufgrund von unvorhersehbaren familiären Umständen“. Zuvor wurde die Nationalrätin Corina Gredig als mögliche Kandidatin gehandelt. Sie sagte auf Anfrage, sie könne sich „grundsätzlich ein Exekutivamt im Kanton Zürich“ vorstellen. Sie spricht damit die Regierungsratswahlen von 2027 an.
Offen lässt Andreas Hauri aktuell, ob er nicht doch fürs Stadtpräsidium kandidieren will. Er gilt als beliebt und punktet jeweils, wenn er in den Quartieren für Altersanliegen und fürs Stadtspital unterwegs ist. Reelle Chancen könnte er bekommen, wenn ihn die FDP unterstützen und Baumer verzichten würde.
AL: Wagt es Karen Hug?
Bleibt Richard Wolff als Stadtrat eine Eintagsfliege? Der AL-Politiker war von 2013 bis 2022 Stadtrat, wobei er 2013 eher überraschend den damaligen FDP-Kandidaten Marco Camin hinter sich liess, der als Nachfolger von Martin Vollenwyder kandidiert hatte. Die Alternative Liste (AL) befindet sich im Umbruch – charismatische Figuren wie Mischa Schiwow oder Walter Angst fehlen. Am ehesten zuzutrauen wäre eine Kandidatur und ein Wahlerfolg Karen Hug aus dem Wahlkreis 7 und 8.
Bei der SVP soll es Ueli Bamert richten
Die SVP ist seit 35 Jahren nicht mehr im Stadtrat vertreten, obwohl ihr ein Sitz vom Wähleranteil her durchaus zustehen würde. Mit Kurt Egloff trat 1990 der letzte SVP-Stadtrat ab. Zahlreiche Kandidaten mit durchaus prominentem Namen schafften es seither nicht und zwar meist sehr deutlich. Nun tritt die Stadtpartei mit ihrem Co-Präsidenten Ueli Bamert an. Der Kommunikationsleiter von Avenergy Suisse (ehemals Erdöl-Vereinigung) und Geschäftsführer von Swissoil tritt SVP-untypisch moderat auf, vorne mitmischen wird er aber wohl nicht. Beim Stadtpräsidium lässt die SVP sicher anderen den Vortritt, etwa der FDP.
Kleinparteien wie die EVP und Die Mitte
Die Mitte und die EVP haben einen Wähleranteil von nicht viel mehr als 5 Prozent. Diese Hürde, um wieder in den Gemeinderat zu kommen, ist hoch. Es ist deshalb taktisch wichtig, dass beide Parteien wieder eine Kandidatin oder einen Kandidaten für den Stadtrat stellen, trotz geringer Wahlchancen. Eine Stadtratskandidatur kann wie ein Zugpferd wirken. Überzeugende Kandidierende bringen EVP- oder Mitte-Wählende an die Urne.
Die Mitte-Gemeinderätin Karin Weyermann will darum antreten. Die 41-Jährige ist Rechtsanwältin. Ob sie nominiert wird, entscheiden die Delegierten am 26. Juni.
Die EVP hat Gemeinderätin Sandra Gallizzi im Köcher. Sie sitzt seit 2023 im Gemeinderat und ist gelernte Fusspflegerin. Frischen Wind würde aber ohne Zweifel EVP-Parteikollegin Stéphanie von Walterskirchen in den Wahlkampf bringen. Sie ist bei der Kreisschulbehörde Waidberg (Kreis 6 und 10) dabei und hat sich lokal als Kämpferin gegen Sprayereien und gegen die Verschrottung der ausrangierten Dolderbahnwagen einen Namen gemacht.
Und da wären noch die Wilden
Parteilose oder sogenannt wilde Kandidatinnen und Kandidaten waren in den letzten Jahrzehnten durchaus das Salz in der Wahlsuppe. Wir erinnern uns an parteilose Kandidierende wie Marian Danowski, Achmed von Wartburg, Anthony E. Monn oder Josua Dietrich. Sie hatten natürlich nie den Hauch einer Chance, brachten aber Redaktionen oft zur Verzweiflung. Grund: Soll man diese Personen ernst nehmen oder nicht, soll man ihnen eine Plattform bieten oder nicht?

Sie versuchten 1994, mit dem Slogan "Züri positiv" die bürgerliche Wende zu schaffen (v. l.): Kathrin Martelli (FDP), Andreas Müller (FDP), Thomas Wagner (FDP) und Gody Müller (SVP). Bekanntlich ging der Plan schief. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv
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